Den Rand zuerst!

 

Guckt man meinem Sohn beim Puzzlen zu, wird einem sofort etwas auffallen.

ER BEGINNT NICHT MIT DEM RAND??!!!!

Aber das ist doch der erste wertvolle Tipp, den wir Kindern geben müssen, wenn sie mit dem Puzzeln beginnen. Habe ich hier etwas verpasst? Oder ihn beim Lernen sogar sabotiert?

Ist das nicht die “beste” Strategie? Und diese enthalte ich ihm vor?

Ich bin so dankbar, dass mir die folgenden Einsichten bereits vor langer Zeit begegneten und ich diese direkt anwenden konnte. Deshalb möchte ich euch diesen Impuls mitgeben.

Die Auswirkung von Erklärungen

Wir erklären Kinder so unglaublich viel. Und wir meinen es ja gut. Wir meinen, Kinder kommen so besser und schneller voran. Warum sollten wir sie denn auch nicht unterstützen?

Nun das hat ganz viel damit zu tun, wie wir Menschen veranlagt sind und wie wir Lernen.

Immer wenn wir Kindern etwas erklären, einen Weg vorgeben, nehmen wir ihnen die Möglichkeit einen eigenen Weg zu finden.

Und das wiederum hat große Konsequenzen, wie folgendes Experiment zeigt.

Ein bekanntes und häufig wiederholtes Experiment der Psychologie zeigt eindrucksvoll, welche Auswirkungen unsere Erklärungen auf das kindliche Explorationsverhalten hat.

Je nach Versuchsaufbau gibt es zwei oder drei Gruppen von Kindern im Alter von 4 – 6 Jahren, denen ein Spielzeug zum Spielen gegeben wird. Dieses Spielzeug hat mehrere “Funktion”. Es kann blinken, Töne von sich geben usw.

Einer Gruppe von Kinder wird das Spielzeug ohne Kommentar zum Spielen gegeben. Der anderen Gruppe wird das Spielzeug von einem Erwachsenen “erklärt”. Der Erwachsene führt eine Funktion vor, aber eben nicht alle.

Die Ergebnisse sind über alle Versuchsanordnungen die Gleichen.

Die Kinder, denen das Spielzeug erklärt wird, beschäftigen sich viel kürzer damit. Sie verlieren also schneller das Interesse UND vor allem erforschen sie das Spielzeug weniger. So entdecken Kinder aus dieser Gruppe die weiteren Funktionen des Spielzeugs oft nicht bzw. weniger als die Kinder aus der Vergleichsgruppe.

Die Erkenntnis ist, dass Erklärungen die Neugier vermindern einen Gegenstand zu erforschen.

Das erscheint ja auch logisch. Wenn die erwachsene Person mir schon erklärt, wie es geht, dann wird wohl nicht viel mehr zu erforschen sein, sonst hätte sie mir das ja gesagt. So bleiben andere Lösungsmöglichkeiten unerschlossen. Der kreative Ausdruckt und Neugier gehen verloren.

Inside The Box

Wir fangen an “inside the box” zu denken und zu handeln. Der Möglichkeitsraum wird dadurch stark beschränkt .

Ein Beispiel?

Es gibt so viele Rätsel, die darauf beruhen, dass wir nicht außerhalb unserer beschränkten Sichtweise denken und handeln können. Ich bleibe beim Puzzle.

Wir alle haben gelernt, dass man mit den Ecken beginnt und dann den Rand legt. Was machen wir aber bei einem Puzzle mit fünf Ecken? JA FÜNF ECKEN!!!! So haben Erwachsene mit folgendem Puzzle-Rätsel meist viel mehr Schwierigkeiten als Kinder.

Den eigenen Weg finden

So habe ich mich beim Puzzeln, wie auch in vielen anderen Bereichen mit “Tipps” und “Erklärungen” zurückgehalten. Und was ist passiert?

Unser Sohn hat SEINEN eigenen Weg gefunden Puzzle zu lösen. Und zwar ohne zuerst den Rand zu legen. Er legt Puzzle weit über seinem Altersbereich. Wie er das macht?

Keine Ahnung.

Aber er hatte die Möglichkeit SEINE Art und Weise auszutüfteln und zu perfektionieren.

Vielleicht kommt auch einmal der Punkt, an dem er mit dem Rand beginnt, wenn die Stückzahlen noch größer werden. Denn diese Vorgehensweise beinhaltet nämlich stets die Frage, ob es nicht noch andere Möglichkeiten gibt, voranzukommen. Bis dahin hat er wohl viele verschiedene Strategien für sich entdeckt, die er nutzen kann.

Und das Wichtigste:

Er hat erfahren, dass es nicht nur einen richtigen Weg gibt!

Was bedeutet das nun? Wir sollen gar nichts mehr erklären?

Wie bei allem gibt es hier keinen Anspruch auf Pauschalität. Auch ich erkläre hier und da etwas. Manchmal weil ich es für passend erachte und manchmal, weil ich mich nicht zurückhalten konnte.

Dieser Impuls soll zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Es soll euch diese Dynamik ins Bewusstsein rufen. Es ist keine Aufforderung dazu, nie wieder etwas zu erklären.

Ich hoffe, du kannst damit etwas anfangen und etwas für dich mitnehmen.

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Rückmeldungen

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  1. Danke für´s drauf aufmerksam machen! Ich glaube, es braucht auch Mut sich zurückzuhalten – die Sorge, dass das Kind etwas verpassen könnte treibt uns an. Und wieviel mehr kann sich aus Vertrauen ent-wickeln! Es lohnt sich, wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit unseren Kindern – und ich hab auch immer wieder (zuviel) erklärt…. Später kommt dann: "Ach Mama!" 😉 Ja, es ist gut, wenn wir hinspüren, ob die Kinder unsere Hilfe "brauchen" oder eher ihren eigenen Raum.

  2. Danke Jael,

    Du sprichst ein wichtiges Thema an. Ohne Vertrauen ist das alles sinnloses Gerede.
    Vertrauen ist das absolute Fundament um Kindern auf diese Weise begegnen zu können. Ohne Vertrauen sind Angst und Kontrolle im Vordergrund.