Fremdbetreuung im Angesicht der Bindungsbrille

– Kapitel 1-

Der Bindungsbegriff gewinnt erfreulicherweise immer mehr an Bedeutung und das Bewusstsein für die tragende Rolle der Bindungsdynamiken steigt allmählich.

Allerdings bleibt dieses Phänomen selbst in der klassischen Bindungstheorie (—> Bowlby & Ainsworth) sehr schwammig und unklar. Weite Teile der Bevölkerung (und der Forschung) assoziieren Bindung mit den ersten ein bis zwei Lebensjahren (Stichwort Urvertrauen). Dabei entsteht der Eindruck, das Thema sei mit dem Aufbau einer „guten“ Bindung in den ersten beiden Jahren abgehakt. Was eine „gute“ Bindung charakterisiert und welche Faktoren dabei beteiligt sind, bleibt weitestgehend verborgen.

Tiefe Bindungen brauchen Zeit

Wir Menschen sind alle,

von Beginn an

und ein Leben lang,

Geschöpfe der Bindung.

Bindung ist ein essentieller Bestandteil des Menschseins und beeinflusst in jeder Lebensphase unser Handeln und Sein.

Gordon Neufeld definiert Bindung als „das Streben nach Nähe“. Wobei Nähe hier weit mehr meint als physischen Kontakt. Er beschreibt die Entwicklung von sechs aufeinanderfolgenden Bindungsstufen, bei denen jede neue Stufe eine weitere Möglichkeit des Näheempfindens hinzufügt. Wenn wir unser Potential für Bindung voll entfalten, suchen wir

– neben physischem Kontakt mit anderen (1-Bindung über die Sinne) auch danach,

– so zu sein wie jemand anderer (2-Bindung über Gleichheit),

– jemanden auf unserer Seite zu haben (3-Bindung über Loyalität),

– für jemanden wichtig zu sein (4-Bindung über Wertschätzung),

– mit jemandem emotional verbunden zu sein (5-Bindung über Liebe),

– von jemandem voll und ganz verstanden zu werden (6-Bindung über Vertrautheit).

Jeder von uns trägt das Potential für tiefe Bindungswurzeln in sich. Die Entfaltung benötigt jedoch mindestens fünf bis sieben Jahre. Pi mal Daumen kommt in jedem neuen Lebensjahr eine Bindungsstufe hinzu.

Eine wichtige Einsicht für eine kindgerechte Gesellschaft: Tiefe Bindungen brauchen vor allem Zeit.

Jüngere Kinder haben enorme Schwierigkeiten mit physischer Trennung, da ihnen noch nicht alle Bindungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen (Babys binden sich z. B. nur über die Sinne). Ohne tiefe Bindungswurzeln sind sie viel schneller mit einem bedrohlichen Gefühl von Trennung konfrontiert und reagieren dementsprechend heftig.

An dieser Stelle zeigt sich ein großes Missverständnis im Umgang mit Trennung.

Wenn das Gefühl von Nähe unser größtes Bedürfnis darstellt, dann repräsentiert Trennung unsere größte Bedrohung.

Kleine Kinder zeigen das noch sehr direkt. Unsere Gesellschaft geht jedoch davon aus, Kinder müssten lernen loszulassen. Das Gegenteil ist der Fall. Niemals würden wir jemandem raten, alle Gegenstände und Erinnerungen einer geliebten verstorbenen Person „loszulassen“ (Der Tod stellt die ultimative Trennung dar). Diese haben einen unvorstellbaren Wert für uns, weil wir damit an der Beziehung zu dieser Person festhalten können.

Wir sind Wesen der Verbundenheit. Die Antwort auf Trennung besteht nicht darin, loszulassen, sondern an der Beziehung festzuhalten.

Es ist unsere Aufgabe, Kinder vor einem Übermaß an Trennungserfahrungen zu bewahren, bis sich ausreichend tiefe Bindungswurzeln entwickeln.

Diese Einsicht könnte bereits in unserer Kultur für große Veränderungen sorgen.

Tiefe Bindungen brauchen Geborgenheit

Die vollständige Entwicklung der Bindung braucht neben Zeit eine weitere Bedingung, die erfüllt sein muss. Ein Gefühl von Sicherheit, Wärme und Geborgenheit auf Seiten des Kindes.

Ich verwende bewusst das Wort “Bindungspersonen” und nicht “Eltern” oder “Mutter”. Denn für eine gesunde Entwicklung ist es nicht notwendig, eine Mutter oder beide Eltern zur Verfügung zu haben. Vor tausenden von Jahren wäre das eine fatale Voraussetzung gewesen, da die Lebenserwartung gering und die Müttersterblichkeit hoch war. Auch Kinder aus “schwierigem Elternhaus” hätten dann keine Chance.

Auf die Essenz reduziert braucht ein Kind mindestens eine fürsorgliche (erwachsene) Person, die ihm ein Gefühl von Sicherheit, Wärme und Geborgenheit vermittelt.

Vorzugsweise sind das die Eltern, aber es ist eben nicht zwingend erforderlich. Genauso kann diese Person ein*e Verwandte*r, ein*e Nachbar*in oder eben auch eine institutionelle Betreuungsperson sein. Deshalb ist es nicht möglich, die Frage der institutionellen Fremdbetreuung pauschal zu beantworten.

Der Verlauf wird entscheidend davon beeinflusst, ob das Kind am jeweiligen Ort (zu Hause bzw. in der Fremdbetreuung) an eine fürsorgliche (erwachsene) Person gebunden ist, bei der es sich sicher und geborgen fühlt. Diesen Aspekt müssten wir für jeden jungen Menschen individuell betrachten, um einen informierten Schluss ziehen zu können. So trifft dieser Aspekt bei einigen Kindern zu und bei anderen nicht.

Häufig wird das Argument aufgeführt, dass eine Betreuung außerhalb des Elternhauses vor allem für Kinder aus schwierigen Elternhäusern einen positiven Effekt hat. Selbstverständlich sind Kinder, die zu Hause ungenügend Wärme und Geborgenheit erfahren in Not und brauchen Hilfe. Institutionelle Fremdbetreuung stellt hier nur selten eine Kompensation dar. Erfolgversprechender sind Unterstützungsmaßnahmen innerhalb der Familie.

Die Hürden aktueller Fremdbetreuung

In diesem Artikel habe ich versucht die Bedingungen für eine gesunde Entwicklung der Bindung in ihrer Essenz zu beschreiben (Es gäbe noch viele weitere Aspekte).

Die Frage, die sich nun stellt, ist, inwieweit Fremdbetreuung diesen Bedingungen gerecht werden kann und was sind die Hürden?

  1. Das Kind muss sich auf die neuen Bezugspersonen einlassen und sich an sie binden (in irgendeiner Form Nähe suchen). Bei jungen Kindern gestaltet sich dieser Prozess schwierig, da jüngere Kinder sich von Natur aus nur sehr zögerlich auf neue Bindungen einlassen.

    → was es braucht: Ein Verständnis dafür, dass Kinder in den frühen Jahren nicht adäquat mit Trennung umgehen können, einen enorm großen Bindungshunger haben und auf intensive (exklusive) geborgene Beziehungen angewiesen sind, bis sie tiefere Bindungsstufen entwickelt haben.

  2. Die Eingewöhnung stellt zwar den Versuch dar, eine Bindung zu ermöglichen, ist aber in der praktischen Ausführung oft nicht ausreichend. Häufig ist die Eingewöhnung, zu abrupt, zu kurz oder der Fokus liegt auf den anderen Kindern, anstelle der Bindung zur Betreuungsperson. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Erzieher*innen außerhalb des etablierten kindlichen Bindungsdorfes befinden. Bis auf die Bring- und Abholzeiten gibt es kaum Berührungspunkte zwischen den etablierten und zukünftigen Bindungswelten. Das ist auch der große Unterschied zu Oma, Opa und anderen Verwandten, die mit dem Kind und den Eltern ein verwobenes Bindungsnetz bilden. Aus diesem Grund haben viele Kinder zwar Schwierigkeiten mit der Fremdbetreuung, bleiben aber ohne erkennbare Probleme bei Oma / Opa.

    → was es braucht: Der Aufbau einer tragenden Bindung (Nähe und Geborgenheit) benötigt neben ausreichend Zeit, eine sichere Umgebung und eine fürsorgende Einladung. Die Bindungswelten des Kindes sollten miteinander verwoben sein.

  3. Die Erzieher*innen (als Berufsgruppe natürlich nicht pauschal gesprochen) sind im Alltag mit Verhaltenslenkung, Regeldurchsetzung und den „schwierigen Kindern“ beschäftigt. Für Beziehungsaufbau oder -pflege ist wenig bis kaum Zeit. Vor allen Dingen nicht zu ALLEN Kindern. Auch die Ausbildung bietet kaum hilfreiche Grundlagen, da hier anstatt bindungsrelevanter Aspekte, Annahmen aus Verhaltenspsychologie und Lerntheorie dominieren (Stichwort Belohnung und Bestrafung).

    → was es braucht: Betreuungspersonen, die Meister der Beziehungspflege sind und Beziehung zur Priorität erklären. Eine neue Haltung, die hinter das Verhalten blickt und den Preis etablierter Erziehungspraxis hinterfragt.

  4. Aber selbst die intuitivsten Erzieher*innen stehen vor einer unlösbaren Aufgabe, denn das reguläre Kita-/ Kindergartensetting ist für die Entstehung tiefer Bindungen völlig ungeeignet. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Hinsicht der oft zitierte Betreuungsschlüssel bzw. die Gruppengröße. Selbst wenn sich ein Kind auf eine Bindung zu einer Betreuungsperson einlässt, steht diese im realen Alltag viel zu oft nicht zur Verfügung. Die strukturellen Probleme zeigen in erster Linie auf, dass institutionelle Fremdbetreuung im Sinne von Aufbewahrung praktiziert wird und nicht als Umgebung günstiger Entwicklungsbedingungen. Fremdbetreuung in ihrem aktuellen Zustand ist in erster Linie auf die Anforderungen der Erwachsenengesellschaft zugeschnitten, nicht für die Bindungsbedürfnisse von Kindern. Es ist eine ökonomische Unternehmung. Anders sind die Zustände nur schwer zu erklären und zu rechtfertigen.

    → was es braucht: Das Eingeständnis und die Realisierung, dass die aktuelle Gestaltung von institutioneller Fremdbetreuung in keinster weise auf die kindlichen Bedürfnisse ausgerichtet ist und es an der Zeit ist kindgerechte Betreuungsstrukturen zu gestalten.

Abschließend bleibt die Frage, was so schlimm daran ist, wenn die Bindungsverhältnisse in der Fremdbetreuung (bzw. zu Hause) nicht ausreichend sind?

“Uns hat das doch auch nicht geschadet…. “

Der nächste Artikel der Serie betrachtet die Auswirkungen negativer Trennungserfahrungen im Zusammenhang emotionaler Dynamiken und beleuchtet, die Folgen nicht erfüllter Bindungsbedingungen.

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#kindgerechteGesellschaft

#shareIFyouCARE

Übersicht zur Blogserie Fremdbetreuung

– Prolog – Ein Aufklärungsversuch

– Kapitel 1 – Im Angesicht der Bindungsbrille

– Kapitel 2 – Bewahrung weicher Herzen

– Kapitel 3 – Die Magie des Spiels

Ich möchte explizit hervorheben, dass es nicht meine Intention ist, das Handeln, die Haltung oder die Motive einzelner Erzieher*innen oder Eltern infrage zu stellen. Meine Intention ist es, kulturelle und gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, für die wir alle gemeinsam verantwortlich sind und die wir nur gemeinsam ändern können.

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Aber wie gehen wir damit um?

Rückmeldungen

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  1. Vielen Dank für den Artikel! Kurz & knapp die wichtigsten Punkte dargelegt, bitte mehr davon 🙂

  2. Habe deinen Artikel gerade auf allen meinen sozialen Netzwerken geteilt. Super geschrieben. Danke für deine wertvolle Arbeit und Aufklärung. Lg Melanie aus Tirol