Fremdbetreuung in einer kindgerechten Gesellschaft – Ein Aufklärungsversuch in 4 Teilen

 

– Prolog –

Fremdbetreuung – ein enorm emotional aufgeladenes Thema. Es ist nachvollziehbar, dass dieses Thema mit gewaltigen Emotionen verbunden ist, denn wir lieben unsere Kinder und die allermeisten Eltern wollen im besten Interesse des Kindes handeln. Niemand möchte sich vorwerfen lassen oder sich später selbst eingestehen müssen, nicht im besten Interesse des Kindes gehandelt zu haben. Dabei ist das Thema Fremdbetreuung von einer schier undurchdringbaren Wand aus Dogmatismus, Idealismus, Halbwissen und einer gehörigen Portion an Missverständnissen umhüllt, sodass sich eine produktive Auseinandersetzung schwierig gestaltet.  Und zwar auf beiden Seiten der Gleichung.

Ich bin immer wieder erstaunt und teils fassungslos, wie mir immer wieder die gleichen (unbelegten) Glaubenssätze entgegnet werden. Dies geschieht oft genug mit einer Intensität und Aggression, die die emotionale Brisanz dieser Thematik erkennen lässt.

„Die Kita / der Kindergarten ist entscheidend für die soziale Entwicklung bzw. ist der Besuch überhaupt ein fundamentaler Baustein für eine ‚normale‘ Entwicklung.

Kinder müssen lernen mit Trennung klarzukommen, sich durchzusetzen, sich in einer Gruppe zu behaupten.

Kinder „brauchen“ Kontakt zu gleichaltrigen Kinder.

Ohne institutionelle Fremdbetreuung können Kinder gar nicht ausreichend „gefördert“ werden. usw. „

Diese Glaubenssätze haben sich über Jahrzehnte unhinterfragt tief in uns verankert. Leicht nachvollziehbar in einer Gesellschaft, in der fast 95 % der 3-6-jährigen und mittlerweile jedes dritte Kind von 0 bis 2 Jahren fremdbetreut werden (Statistisches Bundesamt).

Auf der anderen Seite begegne ich auch Eltern in Selbstbetreuung, die Fremdbetreuung fundamentalistisch ablehnen und es als etwas Boshaftes und Dämonisches wahrnehmen und darstellen.

Auf dem Weg zu einer kindgerechten Gesellschaft sehe ich bei der Debatte um Fremdbetreuung und damit verbunden, um die Bedingungen des Aufwachsens zu einem reifen Individuum einen erheblichen Aufklärungsbedarf.

Das beginnt bereits bei der Fragestellung. Alles konzentriert sich auf die simplifizierte Frage, ob Fremdbetreuung gut oder schlecht ist, ob der Kita Besuch richtig oder falsch ist, Risiko oder Chance. Dabei kann es eine einfache pauschale Antwort auf diese Frage nicht geben, dafür sind die Variablen zu zahlreich und die Umstände zu individuell. Von den familiären Gegebenheiten, den Anlangen des Kindes, über das Konzept und die Ausführung der Kita (Tagesmutter usw.), bis zu den Beziehungen zu den verantwortlichen Erziehern*innen und den anderen Kindern, um nur einige zu nennen.

Hieraus leitet sich bereits mein erster grundlegender Appell an alle Beteiligten ab; sich von einer dogmatischen Suche von Richtig und Falsch, von Gut und Böse, zu distanzieren und das Thema differenzierter zu betrachten. Unser Ziel sollte es nicht sein, dass junge Menschen sich „normal“ (gleichbedeutend mit durchschnittlich) entwickeln. Stattdessen ist es unsere Verantwortung, die Bedingungen bereitzustellen, unter denen ein jeder junge Mensch sein volles menschliches Potential entfalten kann. Das ist unsere Aufgabe in einer kindgerechten Gesellschaft.

Wenn wir also über das Thema Fremdbetreuung sprechen, gilt es nicht eine pauschale ja oder nein Antwort zu finden. Ich plädiere weder dafür, Fremdbetreuung völlig abzuschaffen, noch dafür, dass alle Kinder in den Kindergarten gehen sollten. Es geht mir darum, in jedem individuellen Fall abzuwägen, ob für diesen jungen Menschen unter diesen Umständen die fruchtbaren Bedingungen des Wachstums erfüllt sind oder nicht.

Folglich würden die Antworten für unterschiedliche Kinder in unterschiedlichen Umständen völlig unterschiedlich ausfallen. Es gäbe eine Vielzahl völlig unterschiedlicher Lösungen, die die Bedürfnisse junger Menschen berücksichtigen. Das wäre kindgerecht.

An dieser Stelle steht natürlich die Frage im Raum, wie denn diese fruchtbaren Bedingungen des Wachstums aussehen und wie wir diese im jeweiligen Fall bereitstellen können?

Wie in diesem Artikel beschrieben (vorheriges Lesen empfohlen 😊 ), halte ich nach jahrelanger Auseinandersetzung den bindungsbasierten Entwicklungsansatz von Gordon Neufeld für das geeignetste Werkzeug, um sich dieser Frage zu nähern. Denn anstatt starre Wegbeschreibungen zu erteilen, die nur für eine begrenzte Gruppe funktionieren, gleicht dieses Modell eher einer Landkarte, auf der, ausgehend vom jeweiligen Startpunkt, viele individuelle Wege möglich sind. Diese Eigenschaft ermöglicht jeder Familie den für sich geeigneten Weg zu finden und macht dieses Werkzeug in meinen Augen so wertvoll und einzigartig. Warum bisher gewonnene empirische Ergebnisse nur zu einem Teil zur Klärung beitragen können, werde ich in einem folgenden Artikel dieser Serie beleuchten.

Die Debatte um Fremdbetreuung ist in den letzten Jahren, z. B. durch die Hinzunahme von Themen wie der Rolle der Frau im Zuge der Gleichstellungsbewegung noch einmal vielschichtiger geworden, wobei ich mich zunächst auf die Perspektive der Kinder beschränken möchte.

Um dabei jeder Facette gerecht zu werden, betrachte ich die drei von mir beschriebenen Bedingungen (#nährende Bindungen, #das Fühlen aller Emotionen und #genug Freiheit für das Spielen) zunächst einzeln in einer Serie von separaten Artikeln und fasse die Zusammenhänge in einem abschließenden Fazit zusammen.

Meine große Hoffnung ist, dass Eltern (beider Seiten) auf Grundlage dieser Artikel zukünftig informiertere Entscheidungen, beim Thema Fremdbetreuung, treffen können. Ich wünsche mir, den Dogmatismus und die vorhandenen Missverständnisse, durch die dargelegten Einsichten, Stück für Stück zu verringern. Wenn wir die Entwicklungsbedürfnisse (junger) Menschen, bei diesem wichtigen Thema in den Fokus rücken, ist das ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer kindgerechten Gesellschaft.

Für Fragen und Austausch lade ich dich herzlich in meine moderierte Facebook-Gruppe ein.

Der erste Artikel der Serie betrachtet den Einfluss der Fremdbetreuung auf die Bindungsdynamiken.

#kindgerechteGesellschaft

#shareIFyouCARE

Übersicht zur Blogserie Fremdbetreuung

– Prolog – Ein Aufklärungsversuch

– Kapitel 1 – Im Angesicht der Bindungsbrille

– Kapitel 2 – Bewahrung weicher Herzen

– Kapitel 3 – Die Magie des Spiels

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