5 Gründe, warum Bindung wichtig ist

Das Streben nach Nähe

In diesem Artikel möchte ich euch 5 Gründe dafür nennen, warum Bindung stets unsere Priorität sein sollte. Fangen wir einmal ganz grundlegend beim Wort an. Denn Bindung ist für viele ein sehr unklarer und schwammiger Begriff.

Das Wort Bindung beschreibt den Trieb, der durch das Streben nach oder Bewahren von Nähe charakterisiert ist. Es ist unsere zutiefst menschliche Veranlagung, ein Leben lang die Nähe und Verbundenheit zu anderen zu suchen.

1.) Bindung ist DAS Bedürfnis  

Bindung ist unser grundlegendstes Bedürfnis. Wichtiger als Hunger oder körperliche Unversehrtheit. Das zeigten z. B. unethische Experimente der Vergangenheit. Ohne jegliches Gefühl von Kontakt, Wärme und Zuwendung sterben Babies, auch wenn ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigt werden.

Denn der Hauptzweck der Bindung ist unser Überleben zu sichern. Wir kommen als vollständig abhängiges Wesen zur Welt und sind existenziell darauf angewiesen, dass sich andere um uns kümmern. Wir Menschen sind kaum mit Überlebensinstinkten ausgestattet. Alle unsere Überlebensinstinkte sind im Prinzip Bindungsinstinkte oder -reflexe wie Saugen, Klammern oder um Hilfe schreien. Auch später, im Leben als Erwachsene, dominiert unser Streben nach Verbundenheit ein Großteil unseres Verhaltens. Wir wollen dazugehören, fordern Loyalität, wollen gesehen und verstanden werden und sehnen uns nach emotionaler Intimität. Wenn wir glauben, dass das Gefühl von Nähe und Verbundenheit bedroht wird, haben wir eine Reihe von Strategien entwickelt, um zumindest eine oberflächliche Verbindung zu bewahren. Wir passen uns an, verändern unsere Identität, ordnen uns unter oder identifizieren uns mit Leistung, Aussehen oder materiellen Dingen. Ein Gefühl von Unsicherheit in der Erfüllung unserer Bindungsbedürfnisse ist der Ausgangspunkt vieler Neurosen. Wenn wir Menschen und insbesondere Kinder verstehen wollen, brauchen wir Einsichten über die Dynamiken der Bindung.

2.) Schlüssel, um Kinder und ihr Verhalten zu verstehen

Das bringt mich zum zweiten Punkt. Bindungsdynamiken haben einen enormen Einfluss auf unser Verhalten. Ein klares Verständnis von Bindung ist der Schlüssel, um unsere Kinder und ihr Verhalten besser zu verstehen. Für Kinder gilt dies besonders, da sie im Gegensatz zu Erwachsenen existenziell von anderen abhängig sind.  Je unreifer wir sind, desto mehr sind wir auf Bindung angewiesen und desto größer ist der Einfluss auf unser Verhalten. Insbesondere ein Großteil des “Problemverhaltens” von Kindern steht in Zusammenhang mit unerfüllten oder verdrehten Bindungsbedürfnissen. Das Verständnis von Bindung hilft uns einen angemessenen Umgang mit schwierigen Stationen zu finden.

3.) Bindung ermöglicht uns für Kinder zu sorgen

Kinder lassen sich nicht von jedem bereitwillig versorgen. Am deutlichsten wird das in der Zeit des Fremdelns. Dabei bleibt die eigentliche Dynamik der Scheu gegenüber Fremden bestehen, sie schwächt sich im Laufe der Entwicklung aber ab. Es ist die Bindung zu einer Bezugsperson, die Kinder empfänglich für Fürsorge macht. Dabei interessieren Kinder weder formale Rollen noch Titel oder Qualifikationen. Die Eigenschaften, die es uns erleichtern für ein Kind zu sorgen, entspringen der Bindung. Wenn Kinder auf uns hören, uns folgen, sich bei uns zu Hause fühlen und bei uns Orientierung und Hilfe suchen, dann liegt das an der Bindung des Kindes. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder in erster Linie an ihre verantwortlichen Erwachsenen gebunden sind, denn ohne eine tiefe stabile Bindung fehlt uns die entscheidende Grundlage zum Handeln. Dann gestaltet sich der Umgang enorm schwierig und anstrengend. Insbesondere eine starke Orientierung an Gleichaltrige kann es den verantwortlichen Erwachsenen erschweren, ihrer Aufgabe der Fürsorge nachzukommen. Wenn Kinder nur noch umeinander kreisen und ihnen die Meinung ihrer Peers wichtiger ist, als die ihrer Eltern oder anderer Begleiter, verlieren wir die Grundlage für unsere Aufgabe. Die frühe Loslösung von Erwachsenen wird missverständlich als Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Selbstständigkeit gewertet. Das ist fatal, denn bei genauerem Hinsehen können wir feststellen, dass es sich um eine Verlagerung der Abhängigkeit von den Eltern auf die Gruppe der Gleichaltrigen handelt.

Es ist deshalb unsere Aufgabe, Kindern sichere Bindungsbedingungen zur Verfügung zu stellen und ihre Abhängigkeit nicht gegen sie zu verwenden.

 4. ) Bindung vermindert Gegenwillen

Häufig begegnet uns diese Dynamik mit dem Wort Trotzphase (mittlerweile in der beschönigten Form Autonomie-Phase). Tatsächlich handelt es sich nicht um EINE Phase, sondern um eine menschliche Anlage, die wir alle in uns tragen. Auch wenn es Phasen gibt, in der sie stärker zum Vorschein tritt, begleitet sie uns ein Leben lang. Denn wir Menschen sind von Grund auf allergisch gegen Zwang, Kontrolle und Fremdbestimmung. Wir haben einen angeborenen Instinkt, uns jeglichem Einfluss von außen zu widersetzen. Den Gegenwillen.

Es ist genau dieser Instinkt, der zum Vorschein tritt, wenn Kinder (oder auch Erwachsene wie unsere Partner*innen) trotzig sind oder in Widerstand gehen. Wenn jede Faser danach strebt, genau das Gegenteil vom Verlangten zu tun. Wenn wir sie z. B. dazu auffordern sich zu beeilen, werden sie erst recht langsamer. Wenn sie herkommen sollen, sind sie wie gelähmt und rücken keinen Zentimeter von der Stelle.

Kommt euch das bekannt vor?

Das ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft und sie hilft uns, uns selbst treu zu bleiben. Der Gegenwille trägt entscheidend dazu bei, unsere Integrität zu schützen. (Integrität bezeichnet die Übereinstimmung der persönlichen Werte, Ideale, Impulse und Überzeugungen mit dem eigenen Reden und Handeln.)

Das ist unser Grundzustand. Sich den Anweisungen, die nicht aus uns selbst entspringen, zu widersetzen. Eine der wenigen Sachen, die diesen Instinkt übertrumpfen kann, ist Bindung. Im Zustand der Verbundenheit nehmen wir Anweisungen und Forderungen nicht als Zwang und Kontrolle wahr, sodass der Gegenwille nicht ausgelöst wird. Das erleichter den Umgang erheblich. Deshalb ist es ratsam Forderungen, Bitten oder Anweisungen stets in einem Kontext aktiver Bindung mitzuteilen. Obwohl ein gewisses Maß an Gegenwillen im Zuge der Reifwerdung und Identitätsformung sogar wünschenswert ist, ist es eine kaum zu bewältigende Aufgabe, sich um jemanden zu kümmern, der andauernd voller Gegenwillen ist.

5. ) Bindung als Schutzschild und Wurzeln des Wachstums

Was die Gebärmutter für den Fötus ist, repräsentiert die Bindung für das sich entwickelnde Kind. Es ist die Geburtsstätte unseres Selbst. Im übertragenen Sinne läuft jedes Kind mit einer unsichtbaren Nabelschnur durch die Welt. Manchmal können wir sie bei kleinen Kindern sogar beobachten. Bindung ist unser Versorgungs- und Schutzraum. Bindung dient als Schutzschild unserer Verletzlichkeit. (Darüber schreibe ich hier.) Zudem fungiert die Bindung als Wurzeln des Wachstums, indem wir hier die notwendige Nahrung finden, um uns zu einem eigenständigen, reifen Individuum zu entwickeln.

Es scheint uns völlig klar zu sein, dass Kinder körperlich nur dann wachsen können, wenn sie ausreichend Nahrung erhalten. Bei einer Unterversorgung sind Probleme garantiert und eine gesunde Entwicklung kaum möglich. Genau dasselbe gilt für unser inneres Wachstum.

Auf dem Weg der Reifwerdung brauchen wir ausreichend Nahrung in Form von Sicherheit, Orientierung, Verbundenheit und Geborgenheit. Ohne die ausreichende Versorgung mit diesen Essenzen wird es auch bei unserem inneren Wachstum Probleme geben. Wir bleiben dann unreif. Wir bleiben in der Reifwerdung stecken und bilden nicht all die Früchte aus, die wir jedem Erwachsenen wünschen würden.

(Zu den Früchten der Emergenz zählen z. B. die Neugier, das Streben nach Autonomie, Verantwortungsbewusstsein, Unternehmenslust.

Zu den Früchten der Adaption zählen z. B. aus Fehlern zu lernen, an Hindernissen zu wachsen und Resilienz.

Zu den Früchten der Integration gehören z. B. Geduld, Höflichkeit, Diplomatie, Mut, Rücksicht und Ausgeglichenheit.)

Denn älter zu werden bedeutet eben nicht reifer zu werden. Alter ist kein Indikator von Reife und intuitiv wissen wir das.

Wenn diese fünf Gründe euch geholfen haben 

  • Aspekte klarer zu sehen oder zu verstehen,

  • neue Einsichten zu gewinnen,

  • euch in eurer Intuition zu bestärken,

  • Überzeugungen zu reflektieren,

  • Fragen zu beantworten oder neue zu finden,

dann bin ich mit dem Artikel zufrieden.

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