Kinder brauchen Kinder – Halbwahrehiten auf dem Prüfstand 1


 

Das Prinzip Flüsterpost

Halbwahrheiten.

Es kursieren unzählige davon. In dieser Rubrik möchte ich mich den gängigsten Halbwahrheiten widmen.

Ich nenne sie Halbwahrheiten, weil die Aussagen meiner Einschätzung nach nicht zutreffen, aber im Kern ein Fünkchen “Wahrheit” beinhalten.

Dieser “wahre” Kern ist in Halbwahrheiten jedoch umhüllt von Schichten, die die eigentliche Essenz verzerren. Diese Schichten bestehen aus den Glaubenssätzen, dem Menschenbild und den gesellschaftlichen Umständen einer jeweiligen Zeit.

Im Prinzip, wie bei der Flüsterpost. Am Ende steht eine völlig andere Aussage.

In dieser Rubrik möchte ich die Flüsterpost sozusagen zum Anfang zurückverfolgen, um zu den Essenzen dieser Halbwahrheiten zu gelangen.

Brauchen Kinder wirklich Kinder?

Und beginnen möchte ich mit einer Aussage, bei der ich schnell nicht mehr mitzählen konnte, wie oft sie mir begegnet ist.

Kinder brauchen Kinder.

Was ist dran an dem Satz?

Was ist die eigentliche Essenz?

Bei der Betrachtung geht es mir vor allem um das Wort “brauchen”.

Brauchen ist ein starkes Wort. Es beschreibt eine Notwendigkeit, wie die Luft zum Atmen, Wasser, Nahrung oder Schlafphasen.

Ohne die Aspekte, die wir BRAUCHEN, sind wir nicht wirklich überlebensfähig oder zumindest funktionstüchtig.

Die Aussage suggeriert also, dass der Kontakt zu Kindern eine notwendige Bedingung des Wachstums darstellt.

Und daraus abgeleitet würden sich Probleme für die Entwicklung ergeben, wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist. Wie stark dieser Glaube in unserer Gesellschaft verbreitet ist, insbesondere im Zusammenhang mit Betreuungsangeboten, spürt man als Eltern beinahe ununterbrochen.

Dabei bezieht sich die Aussage bzw. die rechtfertigenden Argumente auf zwei Bereiche.

1. Kinder brauchen Kinder, um soziale Fähigkeiten “zu erlernen”.

2. Kinder brauchen Kinder zum Spielen.

Auf beide möchte ich genauer eingehen.

Soziale Fähigkeiten “lernen”

So ist das Argument Nr. 1, dass Kinder andere Kinder BRAUCHEN, um soziale Fähigkeiten “zu erlernen”.

(Dass soziale Entwicklungsaspekte nicht nur lerntheoretisch, sondern auch als Entwicklungsprozess betrachtet werden können, muss ich auf einen separaten Artikel verschieben.)

Die Aussage würde im Umkehrschluss bedeuten, dass ein Kind ohne andere Kinder niemals sozial werden könnte. Denn dann hätte es ja nicht, dass was es BRAUCHT. Eine reale Befürchtung unter Eltern.

So lese ich in Artikel was Kinder alles voneinander “lernen”. Konflikte lösen, Teilen, Kompromisse eingehen, vergeben, Rücksicht nehmen, ja sogar Freude haben?

Bei diesen Darstellungen und einer Betreuungsquote in Deutschland von beinahe 95 %, müssten wir ja ausschließlich sozial vorbildliche Schüler, Jugendliche und Erwachsene haben.

So stellt sich die Frage, ob der Kontakt zu anderen Kinder tatsächlich notwendig ist, damit Kinder soziale Fähigkeiten erlernen? 

Es erscheint selbstverständlich, dass wir nicht davon ausgehen können, dass die komplexe Entwicklung sozialer Fähigkeiten von nur einem Faktor abhängt.

Das wäre schon einmal ein erster wichtiger Punkt, den wir beachten sollten.

Was braucht es wirklich?

Aber welche Wirkfaktoren sind daran beteiligt? An dieser Stelle könnte man natürlich immens ausholen. Aber für das Ziel, die Flüsterpost zurückzuverfolgen, reicht mir eine einfachere Betrachtung:

Da es hier um die Aussagen geht, dass Kinder, zur Entwicklung sozialer Fähigkeiten andere Kinder BRAUCHEN, wäre das Gegenstück dazu, dass Kinder “Nicht-Kinder”, also Erwachsene dafür brauchen.

Wie steht es denn um das Verhältnis dieser beiden Faktoren?

1) Können wir uns vorstellen, dass Kinder soziale Fähigkeiten ohne andere Kinder “erwerben”?

2) Können wir uns vorstellen, dass Kinder soziale Fähigkeiten ohne die Fürsorge reifer erwachsener Bezugsperson erwerben? (Ich schreibe explizit nicht Eltern sondern Bezugspersonen)

Für die Beantwortung hilft vielleicht ein Vergleich zum Erwerb anderer, konkreterer Fähigkeiten.

Nehmen wir z. B. das Meistern der Tanzkunst. Natürlich unter der Annahme, dass dies selbstbestimmt entschieden wurde. Wie würden wir da vorgehen? Was würde es dafür brauchen? Bräuchten wir dafür vor allem den Kontakt zu anderen Personen, die alle ungeübte Tänzer*innen sind? Wäre das der erstrebenswerte Weg, eine notwendige Bedingung?

Oder bräuchten wir notwendigerweise den Kontakt zu geübten Tänzer*innen, die uns BEGLEITEN und UNTERSTÜTZTEN (NICHT belehren!!!). Könnten wir so durch informelles, implizites Lernen, Modelllernen und Aspekte der Zone der nächsten Entwicklung (Wygotski) dem Ziel näher kommen?

Ich hoffe, aus dem Beispiel wird deutlich, was ich versuche damit auszudrücken. Das Beispiel bedeutet natürlich nicht, dass der Kontakt zu ungeübten Tänzer*innen nachteilig ist.

ABER er ist eben nicht notwendig!!!

Notwendig ist eine fürsorgliche Begleitung und Unterstützung, die den individuellen Fortschritt berücksichtigt.

Zwischen notwendig und Bereicherung

Der Kontakt zu “Ungeübten” kann aber durchaus auch eine Bereicherung darstellen, denn unter “Ungeübten” ergibt sich automatisch ein anderer Austausch, ähnliche Perspektiven treffen aufeinander. Es KANN zu gegenseitiger Motivation, Hilfestellung und schnelleren Fortschritten kommen. Das ist aber keine notwendige Bedingung, sondern ein Multiplikator-Effekt.

Dieser kommt aber nur zur (vollen) Entfaltung, wenn die tatsächliche notwendige Bedingung (der fürsorglichen Begleitung und Unterstützung) erfüllt ist.

Die Frage, die sich sofort auftut ist natürlich: Muss es denn entweder oder sein?

NEIN, zum Glück nicht. Im Idealfall stehen wünschenswerter Weise beide Aspekte zur Verfügung. Der Kontakt zu anderen Kindern, KANN die Entwicklung begünstigen (Multiplikator-Effekt), wenn die notwendigen Bedingungen erfüllt sind.

Der Satz müsste also in einer ersten Abwandlung lauten:

Kinder brauchen fürsorgliche Begleitung durch erwachsene Bezugspersonen. Dann können auch alle anderen Kontakte eine Bereicherung darstellen.

Die gleichaltrige Peer-Group

Bleiben wir kurz beim Beispiel des Tanzens. Der maximale Mutiplikator-Effekt entfaltet sich, wenn nicht nur Kontakt zu “Ungeübten” der gleichen Stufe besteht, sondern Zugang zu Tanzenden aller möglichen Niveaus. Im übertragenen Sinne stellt das, die oft erwähnte gemischtaltrige Kindgruppe dar, die oft als DIE natürliche Entwicklungsumgebung im Zusammenhang traditioneller Kulturen genannt wird. Und tatsächlichen beziehen sich alle positiven Effekte, auf den Zugang zu Kindern (Menschen) unterschiedlicher Entwicklungsstufen.

Auch darüber besteht weitestgehend Konsens. ABER leider gibt es diese gemischtaltrigen Kindgruppen in der westlichen Welt kaum noch. Sie sind im Prinzip ausgestorben.

Unsere Kultur sortiert Kinder strikt nach Alter. Bereits in Krabbelgruppen für einjährige wird schon nach Geburtsmonat sortiert. Und das ist bei weitem das denkbar schlechteste Szenario.

Wenn “völlig Ungeübte” ausschließlich Kontakt zu anderen “völlig Ungeübten” haben. Und wir das auch noch als notwendig und essentiell betrachten. Was soll sich denn daraus ergeben? Worin besteht da die Bereicherung? In unserer Gesellschaft haben Kinder von Geburt an beinahe ausschließlich Kontakt zu GLEICHALTRIGEN Kindern.

Bis auf wenige Ausnahmen wächst ein Kind in unserer Gesellschaft in der homogensten Gruppe von Menschen auf, die man sich vorstellen kann.

Alle das gleiche Alter und eine ähnliche Entwicklungsstufe.

Als Einjährige*r unter Einjährigen.

Als Sechsjährige* unter Sechsjährigen usw.

Das Muster durchzieht die gesamte Kindheit. Westliche Kindergruppen bestehen bis zum Ende der Schulzeit fast ausschließlich aus Kindern desselben Alters +-1.

Das Potential für gegenseitige Bereicherung ist hier gering. Die Multiplikator-Effekte der gemischtaltrigen Gruppen fallen in der gleichaltrigen Peergroup größtenteils weg. Stattdessen bietet die Gruppe der Gleichaltrigen einen idealen Nährboden für Konkurrenzdenken, Machtkämpfe, Stigmatisierung, Beschämung, Mobbing und Ausgrenzung.

Wir alle haben das doch in Schule und co erlebt!!! Warum schauen wir da bei unseren Kindern weg und tun so, als ob das nicht der Alltag in vielen Gruppen ist? Die Dynamiken der gleichaltrigen Peergroup sind mit denen in gemischtaltrigen Gruppen nicht zu vergleichen. (Auch das braucht wieder einen separaten Artikel)

Kinder spielen am liebsten mit Kindern???

Zuletzt möchte ich noch auf das Menschenbild des Kindes eingehen, das der Satz “Kinder brauchen Kinder” in Bezug auf das Spielen zeichnet.

Kinder spielen doch am liebsten mit anderen Kindern, so die oft unhinterfragte Annahme.

Als ob Kinder in der Begegnung mit einem interessierten Gegenüber sagen würden: Du bist kein Kind. Mit dir spiele ich nicht.

Kinder WOLLEN mit allem und jedem spielen, dass für sie eine gegenseitige Bereicherung (siehe Andre Stern) darstellt.

Kinder diskriminieren und selektieren nicht! Sie fragen nicht nach Einkommen, sozialem Status, Religion oder ethnischer Herkunft UND sie selektieren eben auch NICHT NACH ALTER. Ihr einziges Interesse gilt der gegenseitigen Bereicherung im Spiel.

Dabei ist dem Kind das Alter der Spielpartner grundsätzlich egal. Dass Kinder vornehmlich mit anderen Kindern spielen (müssen) liegt einfach daran, dass

1. Erwachsene (und Jugendliche) arbeitsbedingt seltener zum Spielen zur Verfügung stehen und

2. viele Erwachsene in unseren Breitengraden ihren Zugang zum “echten” Spiel verloren haben.

Aber es liegt nicht daran, dass Kinder explizit auf der Suche nach anderen Kindern sind und nach Alter selektieren. Tatsächlich bekommt man als spielender Erwachsener schnell zu spüren, welch große Lust und Sehnsucht in Kindern auf das Spiel mit Erwachsenen schlummert. So gibt es doch in jeder Familie einen verspielten Onkel, Tante, Nachbar oder Opa bei dem die Kinder immer begeister “durchdrehen” wenn sie zu Besuch kommen.

Und ich meine hier wirklich SPIELENDE Erwachsene. Nicht mit innerer Lustlosigkeit auf die Uhr schauend dabeisitzen, auf Regeln verweisen und sagen was alles nicht geht.

Natürlich sind Menschen unterschiedlichen Alters unterschiedlich für gewisse Spiele zu begeistern. Fangen Spielen mit der Oma ist vielleicht gar nicht möglich. Und stundenlanges Steine schmeißen für die Mama langweilig. Aber das gilt eben in alle Richtungen. Dafür sind mit der Oma oder der Mama völlig andere Spiele möglich, die mit Kindern nicht zustandekommen können.

Es ist letztlich die Vielseitigkeit der Spielpartner*innen, die Kindern brauchen und suchen.

Und das ist eine wertvolle Essenz, die in der Flüsterpost bis zum Satz “Kinder brauchen Kinder” verloren ging bzw. umgedeutet wurde.

Kinder brauchen nicht explizit Kinder zum Spielen, sondern Zugang zu einem vielfältigen Beziehungsnetz von unterschiedlichen Spielpartnern (was andere Kinder natürlich beinhaltet). Je verschiedener die Spielpartner*innen bezüglich der Merkmale, Spielstile, Interessen und Fähigkeiten sind, desto bereichernder für das jeweilige Kind.

Ich glaube hiermit bin ich am Anfangspunkt der Flüsterpost angekommen.Wenn ich nun alles zusammenfüge, dann ist hoffentlich klar, warum wir uns von der Halbwahrheit “Kinder brauchen Kinder” abkehren sollten. Stattdessen dürfen wir es zukünftig präziser formulieren. Ein Vorschlag wäre:

Kinder brauchen die fürsorgliche Begleitung durch Erwachsene und freien Zugang zu einem reichhaltigen Angebot verschiedensten Spielpartner*innen.

Das wäre ein Satz, den ich jedes Mal unterschreiben würde.
Danke dir vielmals für die Zeit, die du dir zum Lesen genommen hast.

Wenn du in Verbindung bleiben möchte, bist dann trage dich im Verteiler ein.

Ich hoffe, du konntest Impulse für dich mitnehmen.

Alles Gute.

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Rückmeldungen

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  1. Super Artikel!
    Von dieser Seite habe ich das Thema noch nie betrachtet, aber schon beim Lesen kam es mir logisch und richtig vor.
    Danke für den tollen Input! 👍