Ökonomie der Kindheit – Warum wir eine neue Kultur brauchen

Im letzten Beitrag habe ich davon gesprochen, dass es mein Ziel ist, eine kindgerechte Kultur mitzugestalten. Heute möchte ich daran anknüpfen und davon berichten, warum mir dieses Anliegen so wichtig ist.

Sich mit offenen Augen und offenem Herzen täglich in der Gesellschaft zu bewegen, ist für mich zum Teil sehr schmerzhaft, alarmierend und manchmal kaum auszuhalten. Es ist nicht nur die Art und Weise, wie mit Kindern umgegangen wird, sondern auch die Zielrichtung, die den Handlungen zugrunde liegt. Und damit meine ich ausdrücklich nicht, dass die betroffenen Eltern, Lehrer*, Erzieher* und Politiker* ihre Handlungen bewusst auf dieses Ziel ausrichten und danach handeln. Es ist die Kultur, die diese Ziele im Unbewussten vorgibt und damit erfüllt sie genau ihren Zweck. Im Guten wie im Schlechten. Kultur hat die Aufgabe, die Werte, Normen und Ziele einer Gesellschaft durch Rituale, Rollen und Traditionen zu bewahren und zu schützen. Und genau hierin liegt sowohl die große Herausforderung als auch eine große Chance.

Wir haben die Kultur, die im Einklang mit den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern entstanden ist, verloren. Eine Kultur, die das Ziel verfolgte, Kindern zu reifen Erwachsenen zu verhelfen, die verantwortungsvoll und achtsam mit sich selbst, ihren Mitmenschen und mit dem Planeten umgehen. Wir haben sie ersetzt mit einer Kultur, die durch und durch mit ökonomischen Denkweisen durchzogen ist.

Und so beobachte ich eine Gesellschaft, die die Kindheit auf „dem Altar der Ökonomie opfert“ (Maaz 18).

Allem voran hat sich die Zielrichtung unserer Kultur verändert. Beinahe alle Facetten unserer heutigen Kultur zielen auf die Erzeugung nützlichen Humankapitals. Alles ordnet sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes und den Bedürfnissen der Wirtschaft und Industrie unter. Für wen das Wort „Humankapital“ zu hart klingen mag, der schaue doch bitte in die englische Sprache, die den Personalbereich in Unternehmen völlig unkaschiert als „Human Ressource“ (HR) beschreibt.

Der Mensch, eine wirtschaftliche Ressource.

So zielen die meisten Aspekte, die in unserer Kultur bekannt sind, wie

der möglichst frühe Besuch einer Betreuungsinstitution,

die immer stärker ausgerichtete Sozialisation in der Gleichaltrigengruppe,

der Fokus auf Konkurrenz statt Kooperation,

ein auf Belohnung und Bestrafung ausgerichtetes Erziehungssystem,

der immer größer werdende Anteil, den Kinder in der Schule und anderen formalen Aktivitäten verbringen (sowohl pro Tag als auch über die Kindheit verteilt),

der Stellenwert der Arbeit gegenüber der Familie,

nicht auf die Entfaltung menschlicher Potentiale, sondern auf die Erzeugung von möglichst nutzbarem Humankapital. Am Ende des Prozesses erhält dann ein jeder mit dem Schulabschluss ein Etikett, das zwar nichts über den Menschen selbst aussagt, aber das mit einem Wort (von ausgezeichnet bis mangelhaft), den Anpassungsgrad und Wert des Humankapitals beschreibt.

Ich weiß, dass sich an dieser Stelle einige Leser* vor den Kopf gestoßen, angegriffen, aufgebracht oder verwirrt fühlen. Insbesondere, wenn man sich bisher noch nicht ausführlicher mit diesen Themen auseinandergesetzt hat, wirkt meine Analyse und Darstellung wie ein Angriff auf das eigene Weltbild. Wird doch von öffentlicher und behördlicher Seite stets darauf verwiesen, dass der Kitaausbau, Ganztagsschulen oder der Zwang – äh, die Pflicht – zum Schulbesuch u. v. m. vor allem der Förderung der Kinder dienen. Ich möchte den Menschen, die sich vielleicht in irgendeiner Weise angegriffen fühlen mitteilen, dass meine Beschreibung sich auf die Kultur als Ganzes und nicht auf die einzelnen Menschen bezieht!

Kindheit heute, ist kein individueller Entfaltungsprozess, sondern eine strategisch geplante, auf Normierung und Effizienz ausgelegte Unternehmung. Der Projektplan ist allen klar.

Mit wenigen Monaten alleine ein- und durchschlafen,

zum ersten Geburtstag laufen können,

mit zwei Jahren einen Wortschatz von 50 Wörten haben,

mit drei Jahren sauber, emotional stabil und rational aufnahmefähig sein (auf wie viele Erwachsene trifft das denn zu?).

Diese Liste ist natürlich nicht vollständig und führt weiter in das „Sozialisationsprogramm“ des Kindergartens und den Lehrplan der Schule.

Dabei tendieren Eltern immer mehr dazu, jegliche Abweichung vom „Normalen“ als alarmierend und bedrohlich für den gesamten Entwicklungsverlauf wahrzunehmen. Diese Reaktion macht auch Sinn, wenn man Entwicklung nicht als individuellen, sondern als standardisierten Prozess versteht. Erkennbar wird dieser Umstand z. B. in der steigenden Anzahl von verängstigten und verunsicherten Eltern, die ihre Kinder zu Logopäden  (+44% in den letzten 10 Jahren) oder Ergotherapeuten (+37% in den letzten 10 Jahren) bringen (Zahlen der AOK 2018) .

Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass es nicht meine Absicht ist, den Beruf des Logopäden, des Ergotherapeuten oder andere Therapieformen in Frage zu stellen. Auch gibt es sicher eine Anzahl von Fällen und Erfahrungsberichten mit positivem Ausgang. Außerdem gilt es natürlich auch andere Faktoren wie Medienkonsum oder auch die frühe Fremdbetreuung bei solch einer Betrachtung zu berücksichtigen.

Nichtsdestotrotz erwähne ich dieses Beispiel, um stellvertretend aufzeigen, wie stark unser Verständnis von einer gesunden Entwicklung an einen normierten und standardisierten Verlauf geknüpft ist. Wie in jedem standardisierten Prozess fühlen wir uns dann zur Qualitätskontrolle verpflichtet, anstatt in die natürlichen Entwicklungsdynamiken zu vertrauen und das Aufwachsen als hochgradig individuellen Prozess zu betrachten.

Trotz meiner kritischen Darstellung ist es nicht mein Anliegen auf die Suche nach Schuldigen zu gehen. Es geht nicht um die Frage wer Schuld hat.

Vielmehr geht es mir darum, dass wir alle die Verantwortung dafür übernehmen, dass sich zukünftig etwas ändert. Es geht mir darum, gemeinsam eine neue kindgerechte Kultur zu gestalten.  Jeder von euch kann einen Beitrag leisten, ob es durch eigene Aktionen, das Leben mit euren Kindern, durch Spenden oder durch das Teilen in den Netzwerken. Jeder Beitrag ist willkommen. Jeder Beitrag ist notwendig.

Mein Beitrag ist, neben diesem Blog, auch Kurse und Webinare zu veranstalten, in denen ich über weitere Bedingungen einer kindgerechten Kultur spreche und für aufkommende Fragen zur Verfügung stehe.

Bis dahin verbleibe ich mit den besten Grüßen und hoffe auf eure Unterstützung und euren Einsatz. Die Zahlen des letzten Blogposts sprechen für euch alle, die beim Teilen mitgeholfen haben. (Ca. 1600 erreichte Personen bei FB in 24 Stunden, bei einem völlig neuen Blog.)

Ein herzliches DANKE!

#TeilenFürDenWandel

#KindgerechteKultur

Emil Zitlau

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Rückmeldungen

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  1. Ökonomisierung von pädagogischem Handeln im Rahmen eines Blogs kritisieren, das u.a. pädagogische Coachings verkauft, also pädagogisches Handeln ökonomisiert, ist ausgesprochen lustig.

  2. Hallo Dr.LvZ,

    ich danke dir für deine Meinung, allerdings kann ich deine "Anmerkung" nicht ganz nachvollziehen. Ich denke, dass ich in erster Linie ein Coaching, zumindest so wie ich es verstehe und praktiziere, nicht als pädagogisches Handeln betrachte. Dies hängt natürlich wiederum davon ab, was du als pädagogisches Handeln ansiehst. Legt man die Etymologie des Wortes zugrunde (zusammengesetzt aus griech. pá͞is = Kind und agōgós = führend; Leiter) findet pädagogisches handeln definitionsmäßig im Kontext von Kindern statt, während ich ausschließlich mit Erwachsenen arbeite. Gerne kannst du mir dein Anliegen näher erläutern. Welche Aspekte stören dich denn genau? Aus welcher Motivation schreibst du? Findest du die Kritik an sich nicht berechtigt oder geht es dir um etwas anderes? Ich freue mich auf deine Antwort.

    Güße
    Emil

  3. Das ist ein ganz toller Artikel, welcher die Lage wie sie ist, sehr gut beschreibt. Ich bin Mutter von 6 Kindern und ich merke immer wieder, wie die Kinder nur auf Leistung, Gehorsam und freien Willen nahezu gedrillt werden.. Das muss sich ändern!!