Bindung & Entwicklung – Was Kinder von uns brauchen

Ich war auf der Suche. Auf der Suche nach mehr Verständnis. Verständnis für unseren jungen Sohn. Von Beginn an wollte ich auf konventionelle Erziehungsmaßnahmen verzichten. Belohnung, Bestrafung, Druck, Zwang, Erniedrigung, Beschämung, Machtmissbrauch, das Recht des Stärkeren. All das ist mir selbst noch viel zu präsent, sodass ich diese Marschrichtung (zum Glück) nicht einschlagen konnte und wollte. Viele der tiefen und schmerzhaften Verletzungen dieser Erziehungsmethoden beschäftigen mich noch heute. Außerdem gehe ich in meinem Menschenbild nicht von einem fehlerhaften und korrekturbedürftigen Kind aus, sondern betrachte es, wie Andre Stern es so treffend formuliert, als “Potentialbombe”. Und doch fühlte ich mich im ersten Jahr, nachdem unser Sohn geboren wurde, oft orientierungslos und allein gelassen.

Ich war mir zwar darüber bewusst, wie der Umgang nicht aussehen sollte, aber ich wusste wenig bis gar nichts darüber, wie ich den Umgang entwicklungsgerecht gestalten konnte.

Antworten suchte ich in einer Vielzahl von Literatur. Ich recherchierte mich durch eine Liste von Autoren wie Jesper Juul, Remo Largo, Andre Stern, Alfi Kohn oder Naomie Aldort und beschäftigte mich intensiv mit Themen wie Attachement Parenting, Unschooling, GFK, Artgerecht und Unerzogen. Während ich mich mit der dort beschriebenen Grundhaltung, dem jungen Menschen gegenüber, identifizieren konnte, fühlte ich mich immer noch verloren mit der Frage, was junge Menschen für gesundes Wachstum brauchen und wie meine Rolle in diesem Prozess aussieht.

Dann stieß ich, völlig zufällig, auf den bindungsbasierten Entwicklungsansatz von Gordon Neufeld. Danach hatte ich gesucht. Endlich konnte ich meinen Sohn wirklich sehen und verstehen. Ich rückte wieder einen Schritt näher an meine natürliche Intuition. Endlich hatte ich auch ein erklärendes Modell, für all die schwammigen Begriffe, wie “Bindung”, “Emotionen” oder “Bedürfnisse”, die zwar glücklicherweise immer weitere Kreise ziehen, aber meist relativ formlos und gehaltlos bleiben.

In diesem Artikel möchte ich euch die Grundzüge dieses Ansatzes näherbringen. Er ist fester Bestandteil meines Entwicklungsverständnisses, meiner Arbeit und das Fundament vieler Artikel.

Die Fragestellung

Im Zentrum steht die Frage, was die Bedingungen sind, unter denen sich das menschliche Potential voll entfalten kann. Dabei ist es wichtig zu unterscheiden, dass wir zwar alle mit dem Potential auf die Welt kommen, ein reifes, eigenständiges und soziales Individuum zu werden, es aber zur Realisierung dieses Potentials günstige (bzw. nicht hinderliche) Bedingungen braucht. Zu den Früchten einer gesunden Entwicklung gehören Eigenschaften wie z. B. Erfindungsreichtum, Resilienz, Ausgeglichenheit, Rücksicht oder aus Fehlern zu lernen (Wie oft habt ihr die Frage “Wie oft habe ich dir das schon gesagt? gestellt?”) . Diese Aspekte sind weder genetisch bestimmt, noch werden sie erlernt oder beigebracht. Sie ergeben sich aus der Realisierung, der in uns angelegten Potentiale und wie schon gesagt, trägt jeder diese Potentiale in sich.

Dabei versucht Gordon Neufeld die Entwicklung des Menschen als Ganzes zu betrachten und hat hierfür in den vergangenen 40 Jahren Theorien und Erkenntnisse aus unterschiedlichen psychologischen Disziplinen zu einem stimmigen, verständlichen Modell zusammengefügt und verpackt die zugrunde liegenden Einsichten in einer Sprache des Herzens. Diese Sprache war es, die mich ab der ersten Sekunde gefesselt hat. Ich fühlte mich von den Worten tief berührt und die Einsichten weckten meine natürliche Intuition. Viele der Einsichten haben maßgeblich zu der Beziehung zu meinem Sohn beigetragen und diese in eine achtsamere und verständnisvollere Richtung gelenkt. Sei es das Verständnis über den Kreislauf der Aggression, die Rolle der Bindung und der Emotionen für die Entwicklung oder die essentielle Bedeutung und Wandlungskraft der Tränen bzw. des Trauerprozesses.

Im Kern destilliert Gordon Neufeld drei notwendige Bedingungen einer gesunden Entwicklung heraus, die bei der Realisierung des angelegten menschlichen Potentials eine Rolle spielen.

Bindung

Ein großer Teil des bindungsbasierten Entwicklungsansatzes dreht sich um das Thema Bindung. Unsere Bindungen fungieren wie die Wurzeln einer Pflanze. Sie versorgen uns mit den wichtigsten Nährstoffen wie Nähe, Geborgenheit, Sicherheit und sorgen für unser Überleben. Ironischerweise sind die Wurzeln der Teil der Pflanze, der unseren Augen verborgen bleibt und doch stellen sie den wichtigsten Anteil für gesundes Wachstum dar. Ähnlich verhält es sich mit der Bindung. Wenn wir kein Verständnis davon haben, bleibt sie unseren Augen voll und ganz verborgen. Dabei geht das Konstrukt der Bindung, das Gordon Neufeld synthetisiert, weit über das hinaus, was Bowlby und Ainsworth in der klassischen Bindungstheorie formulierten. Bindung, charakterisiert durch das Streben nach Nähe und das Bewahren von Nähe, findet sich als universales Prinzip von den Eigenschaften der Atome, dem Magnetismus bis hin zu den Konstellationen des Kosmos.

Die Entwicklung tiefer Bindungswurzeln benötigt dabei vor allem Zeit. Viel mehr Zeit als den meisten bewusst ist. Gordon Neufeld beschreibt die Entstehung der Bindung in 6 aufeinanderfolgenden Stufen innerhalb der ersten 6-7 Lebensjahre (von den Sinnen, über Gleichheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung und Liebe bis zur Vertrautheit). Dabei stellt jede neue Stufe eine neue, tiefergehende Möglichkeit dar, an seinen Bindungspersonen festzuhalten. Weitere Einsichten in dieses facettenreiche Phänomen folgen in den nächsten Artikeln.

Weiche Herzen

Emotionen spielen eine Schlüsselrolle in der Entwicklung zu einem reifen Individuum. Da unsere Sichtweise in den letzten 60 Jahren zum Großteil von der Verhaltenspsychologie geprägt wurde und die Verhaltenspsychologie Emotionen als Störvariable betrachtet, ist die Bedeutung der Emotionen in der Breite unserer Gesellschaft leider noch nicht angekommen.

Ein weiches Herz zu haben bedeutet, in Kontakt mit ALL seinen Emotionen zu sein. ALL seine Emotionen fühlen zu können. ALL seine Emotionen zeigen zu dürfen. Es bedeutet verletzlich zu sein. In der Verletzlichkeit liegt eine enorme Kraft und ein großer Teil unserer Menschlichkeit.

Bewegen wir uns allerdings in einer verletzenden Umgebung, kann das Hirn uns vor allzu Unerträglichem schützen. Es kann uns panzern. Das Gehirn kann dann Aspekte unserer Wahrnehmung ausblenden oder Bereiche unserer Emotionen “abstellen”. Wenn wir Kinder bestrafen, ihnen das wegnehmen, was ihnen am meisten bedeutet, dann lösen wir diesen Prozess unweigerlich aus. Es ist wie die Schnecke im Schneckenhaus. Es ist vorteilhaft für die Schnecke sich bei Gefahr zurückzuziehen. Verbleibt sie allerdings ihr Leben lang im Schneckenhaus, kommt sie nicht vorwärts. Unser Gehirn kann uns entweder reifen lassen oder vor Verletzungen schützen. Es kann nicht beides gleichzeitig. Deshalb müssen wir als Gesellschaft verstehen, warum beinahe jede Form der Bestrafung (insbesondere jede, die in irgendeiner Form mit Trennung verbunden ist) langfristig mit einem hohen Preis verbunden ist. Dem Preis einer gesunden (emotionalen) Entwicklung zu einem reifen Erwachsenen.

Uns so wundert es nicht, dass viele Erwachsene ein gewisses Alter erreicht haben, ohne wirklich reifer zu werden. Alter ist kein Indikator von Reife. Viele von ihnen mussten leider große Teile ihres Lebens im Schneckenhaus verbringen. Auch wenn die Tür für nachträgliche Entwicklungen im Erwachsenenalter stets offen bleibt, hoffe ich, wir stimmen alle darüber ein, dass dies nicht der erstrebenswerte Weg ist.

Ruhe und Spiel

Jegliches Wachstum geschieht an einem Ort der Ruhe. Wir wissen das z.B. von unserem Körper. Dieser wächst vor allem, wenn wir schlafen. Für unser Reifewachstum ist dieser besondere Ort der Ruhe das Spiel.

Das Spiel ist ein Zustand aktiver Ruhe. Es ist der Ort, an dem die Magie passiert. Der Ort, an dem die Natur ihren Zauber entfaltet. Im Spiel können wir über uns hinauswachsen. Im Spiel können wir unsere verschiedenen Facetten entdecken. Im Spiel können wir ausdrücken, was aus uns heraus will. Im Spiel finden wir zu uns selbst.

Aber das “echte” Spiel ist in Gefahr. Denn es braucht Freiraum, damit es uns finden kann. Volle Wochenpläne, der Umgang mit Langeweile, die Ausdehnung formaler Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Institutionen sowie die Ablenkung durch Medien sorgen dafür, dass es für Kinder immer schwieriger wird, in das “echte” Spiel abzutauchen. Zudem gehört vieles von dem, was wir mit dem Wort Spiel bezeichnen nicht zum “echten” Spiel, da dort kein Zauber, keine Magie stattfindet.

Beim “echten” Spiel steht einzig die Aktivität selbst im Vordergrund und nicht das Ergebnis. Wenn wir aber den Fokus (z.B. durch Belohnungen) auf das Ergebnis richten, machen wir das Spiel damit kaputt, denn nun ist es nicht mehr die Aktivität selbst, der nachgegangen wird, sondern das Erreichen des Ergebnisses (in dem Fall die Belohnung) steht im Fokus. Damit verlassen wir den Spielmodus und begeben uns in den Arbeitsmodus. Im Arbeitsmodus gibt es aber keine Ruhe und damit auch kein Wachstum.

Gordon Neufeld spricht immer wieder vom natürlichen Entwicklungsplan und über unsere Rolle darin.

Es ist eben nicht unsere Aufgabe die Kinder zu reifen Erwachsenen zu formen oder zu erZIEHEN. Das ist die Aufgabe der Natur, der Emotionen und des Spiels. Unsere Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen für diese Prozesse bereitzustellen, indem wir den Kindern tiefe geborgene Bindungen ermöglichen und dadurch ihre Herzen weich halten.

Ich glaube fest daran, dass diese (und weitere) Einsichten uns helfen werden, eine kindgerechte Kultur zu gestalten.

Wenn du dich intensiver mit der Gestaltung der Eltern-Kind-Bindung beschäftigen möchtest empfehle ich dir meinen Onlinekurs “Bindungswurzeln

#TeilenFürDenWandel

#KindgerechteKultur

Emil Zitlau

P.S. Warum wir meiner Meinung nach eine neue Kultur brauchen, kannst du in diesem Beitrag lesen.

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Menschsein bedeutet auch immer verletzlich zu sein. Wir Menschen sind sehr empfindliche Wesen, die leicht verletzt werden können. Das gilt auf körperlicher Ebene, genauso wie auf emotionaler Ebene. Ein Schnitt, ein Sturz, ein Unfall können uns schnell verwunden. Auf der “emotionalen” Ebene reichen oft Kleinigkeit: ein Blick, ein Wort, eine Geste und wir fühlen uns verletzt. Empfindlich ist dabei nicht gleichbedeutend mit zerbrechlich. Es bedeutet auch nicht schwach zu sein. Es bedeutet, dass wir fühlen, dass wir wahrnehmen was passiert.

Aber wie gehen wir damit um?

Rückmeldungen

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  1. Danke. Ich bin zutiefst dankbar für deine Worte – und auf deinen Block gestoßen zu sein.
    (Mehr kann ich aufgrund der späten Stunde und meiner Eile die mich kitzelt, mich zu meiner schlafenden Tochter zu legen, nicht schreiben….. Sonst übernehmen Müdigkeit und Reizbarkeit morgen die Führung und nicht das schön umschriebene weiche Herz! Ich hätte grad weinen können.).

    Doch mehr geworden als gedacht…

  2. Danke Janika für deine herzlichen Worte.
    Da auch sehr viel Zeit und Arbeit in die Artikel fließt, ist das für mich immer schön zu hören und es motiviert auch für die nächsten Artikel. Die Hoffnung, Menschen durch meine Worte in ihrer aktuellen Situation zu helfen und zu stärken ist ja auch der Grund, warum ich das mache.
    Deshalb freut mich so ein Kommentar, wie deiner, ganz besonders.
    Emil

  3. Ich wünschte, ich könnte mich mal ausführlich mit dir unterhalten. Ich finde in deinen Artikeln so viele Antworten und so viel Bestätigung. Danke!