Mir ist langweilig – Warum wir Leerlauf brauchen

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“Das sind die besten Tipps gegen Langeweile”

“Mit diesen Ideen sagen sie der Langeweile den Kampf an.”

“Hiermit können Sie die Langeweile verteiben.”

Überschriften und Artikel, die mir besonders in der aktuellen “Corona-Zeit” häufig begegnen. Sie spiegeln teilweise “unser” verstörtes Verhältnis zum Thema Langeweile wider. 

Sie repräsentieren ein Schreckensgespenst vieler Eltern: gelangweilte Kinder

Mir ist langweilig

Bei diesem Satz zucken viele Eltern zusammen. Absolut verständlich. Gelangweilte Kinder können auch ganz schön anstrengend sein. Aber ich möchte in diesem Artikel erklären, warum es trotzdem wichtig ist, Langeweile zuzulassen und willkommen zu heißen.

Schon lange steht ein Artikel zum Thema Langeweile auf meiner Liste. Aber irgendwie habe ich mich stets davor gescheut, einen anzufangen. 

Nicht, weil ich es für unwichtig erachte. Ganz im Gegenteil. 

Ich scheue mehr vor der Vielschichtigkeit und Komplexität des Themas zurück. Mir stellt sich die enorme Herausforderung mein Gedankenwirrwarr zu erfassen und geordnet niederzuschreiben. Und zwar so, dass es für andere verständlich und bereichernd ist.

Langeweile kann man nicht messen

Eine große Schwierigkeit beim Thema Langeweile besteht darin, dass sie nur schwer greifbar ist. Und dass, obwohl WIR ALLE diese Empfindung kennen. Langeweile lässt sich nicht wirklich messen. 

Sie ist ein völlig subjektives Empfinden. Die gleiche Aktivität kann eine Person als quälend langweilig empfinden und eine andere Person als interessant. Selbst wenn wir im Anschluss an einen Film oder ein Buch der Meinung sind, dass “es langweilig war”, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass wir uns in dieser Zeit auch gelangweilt hätten.

Auf der anderen Seite ist Langeweile nicht gleich Langeweile. Eigentlich müsste ich die Umstände und Bedingungen von verschiedenen Situationen genau unterscheiden. Ein Kind, das sich gerade im Garten langweilt, aber völlig frei ist etwas zu tun, unterscheidet sich von der Situation eines Erwachsenen, der von seiner aktuellen Erwerbsarbeit oder Aufgabe gelangweilt ist.

Diese notwendige Unterscheidung würde den Umfang dieses Artikels sprengen, weshalb ich hier mehr einen Überblick gebe, ohne Ansruch auf Vollständigkeit.

Der erbitterte Kampf gegen Langeweile

Auch wenn wir Langeweile nicht messen können, so kann ich doch davon ausgehen, dass JEDE*R diesen Zustand kennt. Und alle wären sich wohl einig, dass es sich um einen unangenehmen Zustand handelt. 

Nietzsche beschreibt die Langeweile als “die unangenehme Windstille der Seele”. 

Es scheint verständlich, dass wir Menschen dazu tendieren unangenehme Zustände und somit Langeweile so gut es geht zu vermeiden. Dasselbe gilt z. B. auch bei Emotionen, wie Trauer, Wut oder Scham auf.

So ist es zum grundlegenden Mantra unserer “Erlebnisgesellschaft” geworden gegen Langeweile anzukämpfen – mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. 

Und wir sind extrem effektiv darin geworden. 

Langeweile gab es zu allen Zeiten und selbst Tiere können Langeweile empfinden (siehe Zoo). Aber niemals zuvor stand uns Menschen so ein umfassendes “Arsenal” zur Verfügung, um Langeweile “zu bekämpfen”. Häufig sprechen wir in diesem Zusammenhang auch davon “die Zeit totzuschlagen”. 

Durch das Fernsehen, das Internet und vor allen Dingen das Smartphone ist es uns möglich, Langeweile gänzlich aus unserem Leben zu verbannen. 

Zumindest, solange der Akku hält. 

Denn es bleibt ein beständiger Kampf. Je weniger Langeweile wir uns aussetzen und uns ablenken, desto weniger können wir davon aushalten. 

So haben wir den Kampf gegen die Langeweile dermaßen auf die Spitze getrieben, dass ein (Groß-)Teil der Gesellschaft nicht mehr in der Lage ist, zwei Minuten in der Supermarktschlange oder die 40 Sekunden an der roten Ampel auszuhalten, ohne zum Smartphone zu greifen. Von der 20 minütigen Bahnfahrt einmal abgesehen. 

Oder was ist eure erste Handlung, wenn ihr zu zweit im Restaurant seid und euer Gegenüber geht aufs Klo. Zum Handy greifen? 

Es scheint, dass selbst die kürzesten Momente “der Windstille” für viele kaum auszuhalten sind. Und wir sind auf dem besten Weg unsere Kinder mit Dauerunterhaltung und -bespaßung auf den selben Weg zu führen. 

Was steckt hinter Langeweile

Langeweile wird seit Menschengedenken auf verschiedenste Weisen umschrieben. Neben Nietzsches Beschreibung der “unangenehmen Windstille”, beschrieb eine der Todsünden des Mittelalters (Acedia = Faulheit) eine Trägheit des Herzens oder mangelnde Freude an der Schöpfung. 

Andere beschreiben die Langeweile als einen “Zustand des Nichts”: 

Es gibt nichts zu tun, 

nichts zu lernen, 

nichts zu erfahren. 

Langeweile fühlt sich an wie eine bedrohliche Leere.

Alle Beschreibungen haben eins gemeinsam. Sie deuten darauf hin, dass etwas fehlt. Etwas ist abstinent. Und in der Tat kommt es vor allem dann zu Langeweile, wenn gerade kein Urtrieb bzw. Motivationssystem aktiv ist.

Was uns zum Handeln antreibt

Verkürzt! gesagt agieren wir aus drei unterschiedlichen Urtrieben heraus.

→ Der uns bekannteste und häufigste Modus der Erwachsenen ist der Arbeitsmodus

Im Modus der Arbeit, werden wir davon bewegt und motiviert, ein gewisses Ziel oder Ergebnis zu erreichen. Priorität haben hierbei alle Handlungen, die dem Überleben oder der Existenz dienen. Dabei ist die eigentliche Tätigkeit oft unattraktiv und uninteressant, aber die Befriedigung / Notwendigkeit des Ergebnisses überwiegt. Zum Beispiel:

  • Der Arbeit nachzugehen, um Geld zu verdienen.

  • Geld zu verdienen, um sich Sachen zu kaufen.

  • Zähne zu putzen, um keine Zahnschmerzen zu bekommen.

  • Aufzufräumen, um Ordnung und Überblick zu behalten.

 → Der zweite Modus, der uns “treibt” ist unser Bindungssystem

Hierbei geht es um alle Handlungen, die dazu dienen Beziehung und Nähe im weitesten Sinne herzustellen und zu bewahren. Dazu zählen die offensichtlichen physischen Zärtlichkeiten wie Berührungen, Umarmungen oder Halten. Aber auch ganz viele Handlungen, die uns nicht ganz so offensichtlich erscheinen, entstammen dem Bindungstrieb. 

  • Wenn wir jemanden zum Lachen bringen wollen.

  • Wenn wir miteinander sprechen, diskutieren und uns austauschen.

  • Wenn wir uns Normen anpassen, um dazuzugehören, oder nicht ausgeschlossen zu werden. (Hier vermischt sich das mit dem Arbeitsmodus = Bindungsarbeit)

→ Als Drittes ist der Spielmodus zu nennen.

Wir assoziieren Spielen in erster Linie mit der Kindheit und in der Tat sind Bindung und Spiel die beiden dominierenden Triebe von Kindern (weshalb sie sich auch so schwer mit “Arbeit” tun). Allerdings ist es auch ein häufig vernachlässigter und unterbewerteter Modus bei Erwachsenen. 

Der Spielmodus hat viele Zwecke, aber in diesem Zusammenhang nenne ich in erster Linie den Selbstausdruck.

Im Spiel drücken wir unsere inneren Impulse, Gedanken und Ideen aus. Im Spiel folgen wir den Aktivitäten, die wir gerne tun.

Gleichzeitig ist der Spielmodus ein “Luxuszustand”, der voraussetzt, dass unsere Grundbedürfnisse befriedigt sind (Sicherheit, Geborgenheit, Unversehrtheit). 

Im Spielmodus liegt der Fokus immer auf der Aktivität selbst und nicht auf einem Ergebnis (im Gegensatz zur Arbeit). So ist “das Bauen” einer Sandburg das Spiel, nicht die Sandburg fertigzustellen. Deshalb können Kinder auch mittendrin in ein neues Spiel wechseln, was Erwachsene häufig verdutzt zurücklässt (“Aber wir wollten doch eine Burg bauen?”). Wenn “das Bauen” zur lästigen Arbeit verkommt, damit am Ende eine schöne Burg entsteht, dann agieren wir aus dem Arbeitsmodus und nicht aus dem Spielmodus. Das zeigt auch einen kurzen Einblick, warum Erwachsenen der Spielmodus so schwerfällt. 

Wenn Kinder z. B. vergnügt Steine in einen Fluss werfen oder Stöcke durch die Gegend tragen, dann zielen sie dabei auf kein Ergebnis, sondern vergnügen sich an der Aktivität selbst. Ab einem gewissen Alter wird dieses Spiel dann auch mit Geschichten angereichert, wenn aus den Steinen Flugzeuge oder Frösche werden. 

Die Essenz für diesen Artikel ist, dass das Spiel stets einen Selbstausdruck beinhaltet. Etwas dringt (“drückt”) von “innen” nach “außen”. Diese Bewegung ist entscheidend für das Verständnis und den Umgang mit Langeweile. 

Verkürzt! gesagt bestimmen und strukturieren diese drei Urtriebe / Motivationssysteme unser gesamtes Handeln. (Der Vollständigkeit halber müsste man noch die Ebene der Emotionen und Gefühle mit hinzunehmen, aber für den Zweck des Artikels belassen wir es hierbei.)

Solange einer der aufgeführten Triebe aktiv ist, ist uns in der Regel nicht langweilig. 

Wenn wir in unsere Arbeit vertieft sind, ist uns nicht langweilig.

Wenn wir ein intensives Gespräch führen oder miteinander kuscheln ist uns nicht langweilig.

Wenn wir einer geliebten Aktivität nachgehen (bei Erwachsenen Hobby genannt statt Spiel) gibt es auch keine Spur von Langeweile.

  • Es sind die Situation, in denen keiner der drei Urtriebe sich so wirklich einstellen will und die zitierte “Windstille oder Leere” einsetzt. Dann ist uns langweilig.

Langeweile schafft Raum und Bewusstsein

Nun stellt sich die Frage, warum dieser Fall überhaupt eintritt. Welchem Zweck soll das dienen? 

(An dieser Stelle müsste ich die verschiedene Fälle in ihrer Unterschiedlichkeit behandeln. Wie zu Beginn beschrieben, bleibt dies in diesem Rahmen unvollständig.)

Auch wenn wir Langeweile als unangenehm empfinden, so ist sie doch ein notwendiger und hilfreicher Zustand. 

Klingt erst einmal komisch. 

Aber wenn wir an Hunger, Durst und Müdigkeit denken, dann sind diese Zustände auch nicht unbedingt angenehm, aber die Notwendigkeit scheint unverhandelbar. So ist es auch bei der Langeweile.

→ Langeweile schafft Bewusstsein. 

Ähnlich wie Hunger ein Bewusstsein dafür schafft, dass wir Nahrung zu uns nehmen sollten und Müdigkeit uns signalisiert, dass es Zeit zum Ausruhen braucht, so schafft auch Langeweile ein Bewusstsein. 

Aber wofür?

Die Antwort: Für uns selbst. 

Langeweile schafft ein Bewusstsein für unser Innenleben. Sie schafft einen Raum für unseren Selbstausdruck und unsere Selbstwahrnehmung.

Oben habe ich beschrieben, dass das Spiel stets einen Selbstausdruck beinhaltet. Aber was, wenn alle inneren Impulse und Ideen “aufgebraucht” sind? Wenn alle Arbeitsziele abgehackt sind und wir mit Nähe gesättigt sind? Woher kommen dann die nächsten Ideen, Ziele und Impulse?

Genau an dieser Stelle braucht es eine Phase des Innehaltens und des Erkundens. Ergo Langeweile. Eine Pause, in der wir in uns reinhören können.

So wirken gelangweilte Kinder wie Suchende. Schon einmal aufgefallen? Sie wirken wie rastlose Suchende. 

Aber sie suchen nichts im Außen. Sie suchen etwas im Innen. 

Sie suchen nach dem nächsten inneren Impuls, der sich seinen Weg von “innen” nach “außen” bahnen will. Und das kann seine Zeit brauchen. Und diese Zeit müssen wir ihnen geben, es aushalten.

Das können fünf Minuten sein oder eine halbe Stunde. Oder ein halber Tag oder eine Woche. Das kommt natürlich auch auf das Alter des Kindes an.

Manchmal kann es hilfreich sein einen zündenden Funken von außen hinzuzufügen, indem wir vielleicht eine Idee in den Raum werfen oder bestimmte Materialien aus einer Kiste holen. 

Letztlich braucht es aber ein erneutes Aufflammen des inneren Selbstausdrucks.

Wenn wir nichts entzünden, so zeigt sich das schnell. Zum Beispiel wenn ein gelangweiltes Kind halbherzig mit den Stiften auf dem Blatt herumkritzelt, weil wir Erwachsenen das vorgeschlagen haben. Und am Ende steht nach wenigen Minuten dasselbe gelangweilte Kind vor uns (mit der großen Wahrscheinlichkeit von hinterlassenem Chaos am Maltisch). Denn der Vorschlag hat keinerlei Selbstausdruck entzünden können. 

Andererseits kann eine große Packung Wäscheklammern, die wir einem gelangweilten Kind kommentarlos ins Kinderzimmer stellen für ein Selbstausdrucksfeuerwerk sorgen. Muss natürlich nicht. Pauschalen gibt es da nicht. 

Wichtig ist, dass es NICHT UNSERE Aufgabe oder Verantwortung ist die Langeweile des Kindes zu beenden. Aber wir können Geburtshelfer sein auf der Suche, nach dem nächsten inneren Impuls.

Erstmal abwarten und Tee trinken ist die Devise. Wie lang hängt natürlich stark von der Situation und dem Alter des Kindes ab. Im Restaurant, wo die Möglichkeiten für den freien Selbstausdruck beschränkt sind, braucht es meist mehr Input, als draußen im Garten, wo das Kind “völlig frei” ist.

Spiel ist zwar die Hauptantwort auf Langeweile bei Kinder, aber eine weitere Möglichkeit wäre auch zu schauen, ob sich andere Urtriebe aktivieren lassen. Zum Beispiel könnten wir zur Bindung / Nähe einladen oder anbieten bei unserer Tätigkeit mitzuhelfen.

Unser Gehirn wenn wir “nichtstun”

→ Langeweile schafft einen wichtigen leeren Raum. 

Ein Raum, in dem wir uns selbst begegnen können. Wir gehen täglich so vielen (wichtigen) Aktivitäten nach. Wann hätten wir ohne “erzwungene” Pausen Zeit uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Wann hätten wir Zeit grundlegende Fragen aufkommen zu lassen und Ideen entstehen zu lassen? 

Es ist diese Leere, wenn keine Triebe aktiv sind, wo wir ein Bewusstsein für uns selbst erhalten und uns selbst wahrnehmen können. 

  • Wer bin ich? Was mag ich? Wen mag ich? Was mag ich überhaupt nicht?

  • Was macht mich aus? Worin bin ich gut? Was tue ich gerne?

  • Wo will ich hin? Was will ich tun? Was will ich erreichen?

  • Wie geht´s mir? Was brauche ich?

Die Gedanken schweifen lassen (auch als Tagträumen bezeichnet) ist ein wichtiger Zustand und etwas, dass viele mit Langeweile gleichsetzen. 

Wenn wir “Nichtstun”, also keinem aktiven Trieb folgen, ist unser Gehirn nicht untätig. Im Hirn aktiviert sich dann das DMN (Default Mode Network) auch “Ruhenetzwerk” genannt. Wobei der deutsche Begriff irreführend ist, denn eigentlich kennt unser Hirn keinen Ruhezustand.

Ein Grund dafür ist, dass in jeder Sekunde Tausende von äußeren Reizen und Impulsen auf uns einprasseln. Während wir aber arbeiten, Nähe suchen oder Spielen, filtert das Gehirn aber alle für diese Aktivität unwichtigen Reize heraus.

Nichtsdestotrotz wollen diese Reize irgendwann verarbeitet werden. Hauptsächlich geschieht das im Schlaf, aber eben auch tagsüber kommen wir immer wieder in diesen Zustand (= Tagträumen). 

Also wir würden zumindest immer wieder in diesen Zustand kommen, WENN wir uns nicht ununterbrochen ablenken würden. 

Im DMN (Ruhemodus) überlegen wir dann, was wir später zu Essen kochen, warum wir gestern so blöd reagiert haben oder spinnen Visionen über zukünftige Projekte. Es ist genau dieser Zustand, vor dem Erwachsene an der Supermarktkasse oder an der roten Ampel flüchten, indem sie sich ununterbrochen ablenken. 

Es ist die Begegnung mit dem eigenen Selbst, vor der Erwachsene flüchten. 

Alle, die z. B. mit Meditation beginnen, kriegen das zu spüren 😀 

Wir merken dann schnell, dass je stiller es im außen wird, desto lauter wird es in uns drin. All die Gedanken, Assoziationen und Fragen, die noch nie gehört wurden und nie Raum bekommen haben, kommen dann in uns hoch.

Die Psychotherapeutin Nancy Colier schreibt dazu:

>
Die Fähigkeit, das eigene Ich nicht zu fürchten, ist die wertvollste Fähigkeit, die wir jemals lernen können. Wenn wir sagen, dass wir gelangweilt sind, dann haben wir nichts, um uns von uns selbst abzulenken. Leider werden wir konditioniert, unser eigenes Selbst als nichts Interessantes zu erleben.

 

Langeweile fördert Kreativität

Wer hat diesen Satz noch nicht gehört? Ehrlich gesagt nervt mich dieser Satz mittlerweile. Einfach weil es für mich eine relativ gehaltlose und nichts bringende Aussage darstellt, wenn wir uns nicht näher damit beschäftigen, wie und warum Langeweile auftritt.

Ich hoffe die bisherigen Ausführungen füllen diese Aussage mit etwas mehr Substanz: 

Es sind die Gedanken und Assoziationen aus dem Tagträumen, die Suche nach Selbstausdruck und Selbstwahrnehmung, die einen entscheidenden Beitrag hierzu leisten. Auf dieser Suche sind wir aufgefordert NEUE Ideen, Ziele und Verknüpfungen zu finden und zu verfolgen und bisher unbekannte Zusammenhänge zu entdecken.

Ablenkung – der Feind der Langeweile

Die größte “Gefahr” für Langeweile und ihre Zwecke ist unser gewaltiges Arsenal an Ablenkungsmöglichkeiten. Dazu zählen nicht nur (neue) Medien. Wir können uns mit beinahe allem ablenken. Essen, Sport, Rauchen, Sex, Alkoholkonsum oder auch Besessenheit mit dem eigenen Aussehen, Auto oder Garten können als Ablenkung dienen. 

→ Aber was ist Ablenkung?

Wenn wir es genau betrachten, dann lassen sich auch ablenkende Aktivitäten in keine der drei Triebe einordnen. Ablenkung ist weder Arbeit, Bindung noch Spiel. Das große Problem bei Ablenkung durch Medien ist, dass sie in der Regel keinen Selbstausdruck enthält. Die Bewegungsrichtung der Reize und Impulse geht von außen nach innen. Das heißt auf uns prasseln noch mehr Reize und Signale ein, die keinen Raum finden werden, verarbeitet zu werden.

So blockieren ablenkende Tätigkeiten den Raum, den wir bräuchten, um unseren Selbstausdruck zu finden und uns selbst zu begegnen. 

Das bedeutet nicht, dass ablenkende Aktivitäten nicht auch zu etwas “Gutem” führen können. Es kann auch sinnvoll sein, sich abzulenken, gerade wenn man in immer wiederkehrenden Gedankenschleifen trudelt, so wie es gerade vielleicht mit Sorgen und Ängsten während der Corona-Krise der Fall ist. So können wir uns kurze Verschnaufpausen verschaffen und “entspannen”.

Allerdings sollte uns dabei bewusst sein, dass die “Probleme”, Fragen und Sorgen, von denen wir uns ablenken, danach immer noch da sein werden und Aufarbeitung benötigen.

Natürlich besteht generell auch die Möglichkeit, dass ablenkende Aktivitäten eigene Prozesse anstoßen können. Ein Film oder Buch kann Prozesse in mir wecken, mich an eigene Situationen erinnern und verarbeiten lassen, Emotionen hervorrufen oder zu Visionen und Projekten anregen. Aber seien wir ehrlich. Das ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Häufiger werden Tagelang Netflixstaffeln durchgeschaut und dann ohne jegliche Reflektion zur nächsten Serie übergegangen. 

An dieser Stelle wird die Eskalationsspirale deutlich. 

  • Je mehr wir uns ablenken, desto mehr blockieren wir unseren Selbstausdruck und unsere Selbstwahrnehmung.

  • Je schwerer es uns fällt, unser “Innen” wahrzunehmen, desto mehr fühlt es sich wie eine quälende Leere an und desto schwerer halten wir diese aus.

  • Je schwerer wir diesen leeren Raum auszuhalten, desto schneller und öfter greifen wir auf Ablenkung zurück. Und immer so weiter. 

Bis wir an dem Punkt sind, an dem die 40 Sekunden an der roten Ampel ohne Ablenkung unerträglich werden.

Der Umgang mit Langeweile – Ein Fazit

Nun stellt sich die Frage nach dem “geeigneten” Umgang mit Langeweile. Wie bei vielen anderen Themen gibt es auch hier keine pauschale allgemeingültige Vorgehensweise. Dafür sind sowohl die Menschen als auch die jeweiligen Situationen zu unterschiedlich. Vielmehr hoffe ich, dass das Verständnis über diese Dynamiken einen Rahmen aufzeigt, innerhalb dessen wir einen eigenen Umgang gestalten können.

Zusammenfassend möchte ich festhalten:

  • Wir sollten Langeweile nicht als etwas Schlimmes betrachten und nicht versuchen sie mit allen Mitteln zu bekämpfen.

  • Wir sollten einem gelangweilten Kind nicht sofort mit externen Impulsen begegnen, sondern ihm die Möglichkeiten geben sein “Innen” zu erkunden.

  • Wenn möglich immer “Nähe und Bindung” als Alternative anbieten.

  • Kleine “möglichst unkonkrete” Impulse setzen, die das Kind aufgreifen und in einen Selbstausdruck / Spiel überführen kann.

  • “Ablenkung” nur spärlich einsetzen → Leere Räume nicht blockieren.

Wenn wir Langeweile zulassen und aushalten, dann ergeben sich daraus häufig neue Einsichten, Ideen, Wünsche oder Ziele. 

So sah es auch Nietzsche, dessen komplettes Zitat folgendermaßen lautet:

Langeweile ist die unangenehme Windstille der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.

— Friedrich Nietzsche

Ich hoffe, du konntest Impulse für dich mitnehmen.

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Alles Gute.

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