Die 8 Sünden des Schulsystems

Das staatliche Schulsystem ist gruselig.

An dieser Einsicht führt kein seriöser Weg vorbei.

Ich beschäftige mich nun bald ein Jahrzehnt intensiv mit dem Thema Bildung.

ALLE Experten sind sich einig. Fundamentale Änderungen müssen her!

Leider haben Bildungswissenschaftler, Psychologen und Soziologen kein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Schulwesens.

Die kürzliche Einschulung unseres Sohn gab mir noch einmal den Impuls, die größten Sünden des derzeitigen Schulsystems zusammenzutragen.

    Inhalt

    Sünde Nr. 1 – Die Vorstellung vom genormten Kind

    Sünde Nr. 2 – Gleichbehandlung führt zu Chancengleichheit

    Sünde Nr. 3 – Die “Erfolgsmessung” in Noten

    Sünde Nr. 4 – Die Verwechslung von LERNEN und AUSWENDIGlernen

    Sünde Nr. 5 – Wissen statt Kompetenz

    Sünde Nr. 6 – Die Abwertung und Vernachlässigung des freien Spiels

    Sünde Nr. 7 – Kaum Zeit für Beziehung und soziale Interaktion

    Sünde Nr. 8 – Nach Alter sortierte Klassen

    Fazit – Nicht nur meckern. Wo sind die Lösungen?

    Sünde Nr. 1 – Das Märchen vom genormten Kind

    Beginnen wir doch bei der Ausrichtung des grundlegenden Menschenbilds und der Entwicklungsperspektive.

    Die Grundidee der Schule ist das:

    ❗️ALLE Kinder,

    ❗️im GLEICHEN Alter,

    ❗️die GLEICHEN Themen

    ❗️im GLEICHEN Tempo,

    ❗️beim GLEICHEN Lehrer*

    ❗️mit den GLEICHEN Methoden,

    ❗️GLEICH gut lernen.

    Selbst ohne große empirische Beweise oder wissenschaftliche Theorien sollte jedem*jeder schnell einleuchten, dass dies völliger Quatsch ist, der nur scheitern kann. Trotzdem ist Schule immer noch nach dem industriellen Muster einer Fließbandproduktion aufgebaut. Nach einem geplanten und geordneten Ablauf folgt ein “Produktionsschritt” auf den nächsten, inklusive “Qualitätsprüfung”. 

    Kinder (bzw. alle Menschen) sind hochgradig individuell veranlagt, mit eigenen Interessen, eigenem Tempo und einer eigenen Herangehensweise bei der Erkundung der Welt. Ein Schulwesen, das dem nicht Rechnung trägt, wird IMMER, egal wie es strukturiert ist, einem Großteil der Kinder nicht gerecht.

    Sünde Nr. 2 – Gleichbehandlung führt zu Chancengleichheit

    Gehen wir weiter.

    Anstatt die haltlose Grundidee einmal zu hinterfragen, wird stattdessen allen Kinder, die aufgrund dieser Grundausrichtung “versagen” MÜSSEN und NICHT mithalten, unterstellt, sie würden sich nicht genug anstrengen. Sie wären faul, schlampig oder nicht fleißig genug.

    Eine der gravierendsten Märchen ist hier, dass die formale Gleichbehandlung aller Kinder automatisch zu Chancengleichheit führt. Man müsse sich nur richtig anstrengen und fleißig sein. Keine Aussage könnte weiter von der Realität entfernt sein.

    NICHTS! ist entscheidender für den Schulerfolg als das Elternhaus, aus dem das Kind stammt.

    Genauer gesagt das soziale Milieu des Elternhauses. Das haben zahlreiche Studien immer wieder empirisch bestätigt. Für Deutschland ist dieser Effekt sogar besonders groß.

    Zwar gibt es natürlich vereinzelte Erfolgsgeschichten (die immer gerne erzählt werden, um die Durchlässigkeit des Schulsystems zu bestätigen) aber auf gesamtgesellschaftlicher Perspektive sind das nicht einmal Tropfen auf den heißen Stein.

    Der Soziologe Pierre Bourdieu [1] hat mit einer der umfassendsten Theorien des letzten Jahrhunderts aufgezeigt, wie “kulturelles und soziales Kapital” von Generation zu Generation weitergegeben werden. Zusammen mit einem passenden “Schülerhabitus” bestimmen diese Faktoren maßgeblich über den Schul”erfolg”. Die immensen Anstrengungen der Kinder aus “unpassenden” Elternhäusern verpuffen einfach im System.

    💡Chancengleichheit kann es nur geben, wenn wir die unterschiedlichen “Startpositionen” und die auseinanderklaffenden Ressourcen der Elternhäuser berücksichtigen. Das bedeutet, dass die Bildungswege viel individueller auf die unterschiedlichen Kinder zugeschnitten werden müssen, statt mehr desselben zu fordern (siehe Ganztagesschule)

    Dieser Punkt wirft die Frage auf, was eigentlich mit Schul”erfolg” gemeint ist. Was uns zu zwei weiteren Themen bringt, auf die ich hier eingehen möchte.

    Sünde Nr. 3 – Die “Erfolgsmessung” in Noten

    Von Beginn an war Schule unter anderem ein Instrument der Selektion. (Fend 1980)

    Warum und wonach selektiert wurde hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert, aber die Prinzipien bleiben die gleichen. Statt die individuellen Potentiale der Kinder zu betrachten und zu fördern, dient der Apparat dazu die Spreu vom Weizen zu trennen.

    Vor zwei Jahrhunderten war es vor allem das Sortieren nach Beamten, Soldaten und Bauern.

    In den letzten Jahrzehnten das Sortieren von Akademikern* und Arbeitern*.

    Unternehmer* entziehen sich dieser Sortierung häufig. (Also sind später erfolgreich, obwohl sie schulisch weniger erfolgreich waren)

    Obwohl Noten heute immer noch in erster Linie selektieren, werden mittlerweile andere Gründe in den Vordergrund geschoben.

    “Noten seien wichtig als objektive Leistungsbeurteilung.”

    Versucht mal den Satz auszusprechen, ohne dabei mit den Augen zu rollen oder zu lachen…

    Der zweite Grund für Noten zielt auf den Aspekt der Motivation im Zuge eines Belohnungs- bzw. Bestrafungssystem. In beiden Fällen fördern Noten in erster Linie Kinder, die aufgrund ihres Elternhauses bereits in vorteilhafter Position sind (siehe Nr. 2).

    Für alle anderen Kinder haben Noten verheerende Auswirkungen auf

    ⛔️Motivation,

    ⛔️Lernlust,

    ⛔️Versagensängste,

    ⛔️Selbstwert

    ⛔️und die eigene Kompetenzwahrnehmung.

    Das bringt mich zu meinem nächsten Punkt und der Frage, WAS benotet wird.

    Sünde Nr. 4 – Die Verwechslung von LERNEN und AUSWENDIGlernen

    Lernprozesse zu benoten ist ungefähr so sinnvoll, wie Liebesfähigkeit zu benoten.

    Lernen ist eine permanente Grundeigenschaft des menschlichen Geistes.

    Es ist uns so eigen wie das Atmen. Wir könnten es nicht einmal unterbinden, wenn wir wollten. Dabei ist das Phänomen des Lernens sehr facettenreich. Ein Großteil davon findet nicht durch bewusste Anstrengung statt, sondern widerfährt uns einfach (z. B. beim Erfahrungslernen, implizites Lernen).

    Lernen ist nicht unbedingt etwas, das wir tun, sondern, das uns passiert.

    Unsere Eigenschaft zu Lernens zu begreifen ist nicht ganz so einfach.

    Dabei decken verschiedene Forschungsbereiche unterschiedliche Bestandteile dieses Phänomens auf.

    💡Wir können uns das Lernen vorstellen wie einen Lichtstrahl. Er ist nicht einzufangen und bei genauerem Hinsehen erkennen wir, dass er aus einem breiten Spektrum völlig unterschiedlicher Farben besteht, wovon manche für uns erkennbar sind und andere nicht (ultraviolet z. B.).

    ❌ In der Schule reduzieren wir diese unglaubliche Fähigkeit auf einen winzigen Teilbereich dieses Spektrums (dem intentionalen, formalen Lernen) oder einfach gesagt dem AUSWENDIGLERNEN. Dabei zielt das Auswendiglernen auf den kurzfristigen Erwerb von irrelevantem trägem Wissen. Ganz im Gegenteil zum “echten” Lernen.

    Sünde Nr. 5 – Wissen statt Kompetenz

    Auswendiglernen ist anstrengend und schwer. Denn tatsächlich ist unser Gehirn in KEINSTER Weise so etwas wie eine Festplatte.

    Ganz im Gegenteil. Unser Kurzzeitgedächtnis (= Working Memory) ist ziemlich ziemlich beschränkt.

    Worauf unser Gehirn aber spezialisiert ist, ist das Lösen von Problemen und erkennen von Mustern und Zusammenhängen.

    Das ist die Quintessenz von Lernprozessen.

    Unsere Lernfähigkeit ist darauf ausgerichtet Probleme zu lösen und unsere Handlungskompetenz stetig zu erweitern.

    Das bedeutet, uns in unserer Umgebung (mit Dingen, Welt und Menschen) immer besser zurechtzufinden und an veränderte Situationen und Bedingungen anzupassen.

    Damit beginnen Kinder bereits VOR der Geburt.

    Es ist das natürliche Betriebssystem aller Menschen. Diese Eigenschaft ist uns angeboren und läuft ununterbrochen ab.

    Angetrieben wird der individuelle Kompetenzerwerb von den einzigartigen Anlangen und Interessen eines jeden Menschen.

    (Weitere Infos im Artikel ➡️ Multiple Intelligenzen)

    Deswegen interessieren sich Kinder im gleichen Alter eben NICHT für die gleichen Dinge und haben dementsprechend völlig unterschiedliche Kompetenzprofile.

    Um den Kompetenzerwerb von Kindern zu fördern, müssen Kinder Probleme lösen (mit und ohne Hilfe), in Bereichen, die sie interessieren.

    💡Und genau DIESE Bedingungen findet sich an einem ganz speziellen Ort. Und zwar GRATIS.

    Sünde Nr. 6 – Die Abwertung und Vernachlässigung des freien Spiels

    Das Spiel ist genau der Ort, an dem Kinder kontinuierlich damit beschäftigt sind ,sich mit Problemlösungen auseinanderzusetzen. Im Spiel gehen Kinder automatisch ihren Interessen nach. Nach den Ausführungen von Nr. 5 haben wir damit DEN PERFEKTEN Ort zum Lernen entdeckt. Auch hier gilt eine wichtige Beobachtung.

    Spielen ist weniger eine Aktivität, der man nachgeht, sondern vielmehr ein Zustand in dem wir uns befinden.

    So kann ein und dieselbe Aktivität für ein Kind ein Spiel sein und für das Kind daneben eben nicht! Von außen ist das manchmal nur durch aufmerksame Beobachtung zu erkennen.

    ⚠️ Die wenig verbliebene Zeit, die Kindern in der heutigen Zeit zur Verfügung steht, ist wohl eine der bedenklichsten Entwicklungen der modernen Gesellschaft. Denn Spiel ist neben dem Aspekt des Lernens ein wichtiger Bestandteil für die gesunde soziale und emotionale Entwicklung. Dazu dann an anderer Stelle mehr.

    Sünde Nr. 7 – Kaum Zeit für Beziehung und soziale Interaktion

    Ironischerweise wird Schule neben dem Lernen auch immer zu DER zentralen Stelle für soziale Entwicklung erhoben.

    Wenn man sich aber den Alltag von Schüler*innen anschaut, sowie die Kompetenzen der Lehrkräfte und wie viel Raum und Zeit für soziale Interaktion vorhanden ist, dann muss es einem mulmig werden.

    Dabei sind Beziehungen DAS Fundament für erfolgreiche Lern- und Wachstumsprozesse.

    Bindungsdynamiken spielen eine wichtige Rolle in allen Lernfacetten. Wir lernen, um anderen nachzustreben, Wertgeschätzt zu werden, zu etwas beitragen zu können usw.

    Dennoch finden diese Dynamiken kaum nennenswerte Beachtung. Weder in der Beziehung zu den Erwachsenen (abseits engagierter Lehrer*innen) noch innerhalb der Klassengemeinschaft (siehe Cliquenbildung, Mobbing usw.)

    Dabei sollte genau DAS einen so zentralen Stellenwert einnehmen.

    🔲 Wie kommen wir als Gemeinschaft zusammen und bleiben handlungsfähig?

    🔲 Wer trägt welche Verantwortung?

    🔲 Wie können wir Konflikte lösen und gegensätzliche Bedürfnisse vereinbaren?

    🔲 Wie wollen wir miteinander kommunizieren und wie können wir achtsam sein?

    🔲 Was sind unsere Werte, wofür stehen wir ein?

    Sünde Nr. 8 – Nach Alter sortierte Klassen

    All die oben gestellten Beziehungsfragen bringen mich zu einem weiteren Relikt des Schulsystems.

    Die Einteilung in altersgleiche Klassen. Der Ursprung liegt vor allem in der leichteren Vergleichbarkeit und Selektion (siehe Punkt 3). Eine große Gruppe von Gleichaltrigen ist mit Abstand die künstlichste Situation, in der wir uns jemals wiederfinden können.

    Die immens wichtigen Lehr- und Lernprozesse zwischen den verschiedenen Entwicklungsstufen entfällt hier beinahe komplett. Dabei geht es nicht nur um Fähigkeiten, sondern um ganz viele soziale Facetten. Sich in der Fürsorge und Verantwortung gegenüber Jüngeren und Schwächeren zu üben entfällt für unsere Kinder beinahe gänzlich. Später haben wir dann die für die westliche Gesellschaft typischen Generationenkonflikte und -Spaltungen.

    Von der Kita bis zur ersten Arbeitsstelle sind unsere Kinder in Institutionen beinahe ausschließlich mit Gleichaltrigen zusammen.

    Idealerweise wäre es genau umgekehrt und Kinder könnten möglichst viele unterschiedliche Kontakte und Bezugspersonen haben, die im Idealfall auch ähnliche und doch verschiedene Interessen haben.

    Und das ist gelebte Potentialentfaltung. Wenn ein 3-, 10-, 30-, und 60-Jähriger zusammen spielerisch den gemeinsamen Interessen nachgehen.

    Leider hat das rein gar nichts mit der gelebten Realität unserer Kultur zu tun.

    Fazit – Nicht nur meckern. Wo sind die Lösungen?

    Hier muss ich gar nicht viel sagen. Denn in den letzten Jahrzehnten entstanden unzählige alternative Ansätze.

    Die Zahl der Privatschulgründungen mit alternativen Konzepten schnellt in die Höhe, weil immer mehr Eltern und Pädagogen den gegenwärtigen Zustand nicht länger aushalten oder hinnehmen wollen.

    Die heutige Forschung bestätigt mittlerweile einen Großteil aller Annahmen, die Reformpädagogen* schon vor langer Zeit formulierten.

    Dabei ist der Name gar nicht ausschlaggebend. Ob Montessori, Wild, Freinet, Holt, Neil und Co. Es gibt nicht DAS EINE RICHTIGE Konzept.

    Viel eher bieten sie sich ergänzenden Perspektiven. Alle Pioniere entdeckten einen Bestandteil des Lichtstrahls namens Lernen.

    Es gibt ein reichhaltiges Buffet an Möglichkeiten.

    Wir müssten uns nur daran bedienen.

     

    ⚠️DISCLAIMER:
    Es geht hier um eine gesamtgesellschaftliche Strukturperspektive der Institution Schule.
    Das ist KEINE Abwertung für den Einsatz, die Leidenschaft und Kompetenz EINZELNER Lehrpersonen. Ich selbst kenne durch meine Ausbildung viele herausragende Lehrer*innen.
    Dass diese nach vielen Jahren unermüdlichen Einsatzes entweder im Burnout landen oder das Regelschulsystem verlassen ist ein weiteres Symptom eines ungesunden Systems.

    Erwähnte Literatur:

    [1] Pierre Bourdieu (1971) – Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. Klett: Stuttgart

    [2] Helmut Fend (1980) – Theorie der Schule. München

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