Hinter das Verhalten blicken

Es ist ein großer Wunsch von mir, dass wir als Gesellschaft das Bewusstsein erreichen, dass das Verhalten nur einen kleinen Teil einer Person ausmacht.

Wenn wir bei dieser Erkenntnis beginnen, so können wir uns zumindest schon einmal Mühe geben einem Menschen in seiner Ganzheit zu begegnen. Das Verhalten repräsentiert, genau wie beim Eisberg, nur den “sichtbaren” Teil unseres Seins. Geprägt durch Jahrzehnte der dominanten Perspektive der Verhaltenspsychologie tendieren wir dazu, alles andere zu vernachlässigen. (Das steckt z. B. auch im Menschenbild der Elternschule).

Besonders bei Kinder richtet sich unser Fokus darauf, ihr Verhalten ändern zu wollen, anstatt uns mit dem zu beschäftigen, was sich unter der Wasseroberfläche befindet.

Wenn ein Kind aggressiv ist, dann wollen wir verständlicherweise, dass dieses Verhalten aufhört. Allerdings reicht es eben nicht! NUR das Verhalten zu berücksichtigen, um sich ganzheitlich mit dem Kind auseinanderzusetzen. Es reicht nicht eine Strafe auszusprechen, mit der Hoffnung, dass diese das Verhalten unattraktiv macht.

Wichtiger wäre die Frage danach, wie es dem Kind dabei geht? Ob es ängstlich oder frustriert ist? Was es sich selbst in der Situation gewünscht hätte und welche Unterstützung es vielleicht gebraucht hätte?

Ich beobachte in solchen Situationen z. B. häufig, wie Kinder im Nachhinein selbst erschrocken von ihren Handlungen sind. Aber zu diesem Zeitpunkt ist das Redefeuerwerk der Erwachsenen, mit all den moralischen Predigten, schon längst gezündet. Dabei hätte es das vielleicht gar nicht gebraucht?

Dr. Neufeld verweist darauf, dass bereits eine Änderung der Fragestellung zu einem enormen Unterschied in der Begegnung mit Kindern führen kann.

Statt uns die Frage “Was soll ich tun?” zu stellen,

könnten wir uns fragen: “Was hat das Kind dazu bewegt, so zu reagieren?”

Natürlich ist die Auflistung auf der hier abgebildeten Grafik nicht annähernd vollständig. So fallen mir noch viele weitere Punkte “unter der Oberfläche” ein, die darauf Platz finden würden. Die Motivation, das Wertesystem, die Beziehung, die Erziehungsmuster, das Selbstwertgefühl usw.

Dieser Wechsel ändert fundamental den Blickwinkel auf die Situation. 

Während die erste Frage vehaltenstypisch auf die Konsequenzen abzielt, betrachtet die zweite Frage die Vorbedingungen, und zwar die Gesamtheit der Vorbedingungen.

Und wenn wir uns mit den Vorbedingungen beschäftigen und hinter das Verhalten blicken, erhalten wir wertvolle Informationen darüber, was wir tun können.

Wenn wir in der Begegnung mit dem Kind darauf aufmerksam werden, dass es gelogen hat, weil es Angst hatte, ist es dann sinnvoll eine Strafe auszusprechen, die diese Angst verstärkt? Oder sollten wir gemeinsam ergründen, woher die Angst entspringt und wie wir damit umgehen können?

Das ist im ersten Schritt nicht immer leicht. Die meisten von uns sind nicht geübt darin, etwas anderes als das Verhalten wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Es braucht zunächst ein Bewusstsein dafür, dass es mehr als das Verhalten zu betrachten gibt. Dann können wir unseren Blick schärfen, auf all das was noch unter der Wasseroberfläche steckt. Letztlich ist es dann wirklich Übungssache und mit etwas Geduld und Nachsicht kann es mit der Zeit immer mehr zu einem Bestandteil des eigenen Handelns werden.

Ich freue mich stets darüber, Feedback von euch zu erhalten.

Wenn euch der Artikel geholfen hat,

  • euere Kinder besser zu verstehen,

  • neue Einsichten zu gewinnen,

  • euch in eurer Intuition zu bestärken,

  • Überzeugungen zu reflektieren,

  • oder Fragen zu beantworten und neue zu finden,

dann bin ich damit höchst zufrieden.

Wenn ihr auch damit zufrieden seid, dann helft doch bitte mit, die enthaltenen Botschaften in die Welt hinauszutragen und teilt den Beitrag in euren Netzwerken.

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Menschsein bedeutet auch immer verletzlich zu sein. Wir Menschen sind sehr empfindliche Wesen, die leicht verletzt werden können. Das gilt auf körperlicher Ebene, genauso wie auf emotionaler Ebene. Ein Schnitt, ein Sturz, ein Unfall können uns schnell verwunden. Auf der “emotionalen” Ebene reichen oft Kleinigkeit: ein Blick, ein Wort, eine Geste und wir fühlen uns verletzt. Empfindlich ist dabei nicht gleichbedeutend mit zerbrechlich. Es bedeutet auch nicht schwach zu sein. Es bedeutet, dass wir fühlen, dass wir wahrnehmen was passiert.

Aber wie gehen wir damit um?

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